Familie, Leben mit Zwillingen & Baby
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Bin ich eine gute Mutter? Von Selbstzweifeln & Fehlern

Ich möchte ein Geständnis ablegen: Pädagogik interessiert mich einfach nicht. So, jetzt ist das schon mal raus. Wozu dann aber dieser Artikel und nicht lieber ein nettes Rezept oder spannendes Gesundheitsthema?
In den letzten Wochen bin ich immer wieder an meine Grenzen gestoßen. Als Hauptbezugsperson für zwei Zweieinhalbjährige und ein Baby. Streitigkeiten, Trotzanfälle, Trödeleien und weit auseinanderdriftende Bedürfnisse aller Beteiligten bestimmen unseren Alltag.
Ich fühle mich oftmals richtig hilflos. Mir raucht der Kopf. Ich werde irgendwann gemein und bin hinterher unzufrieden mit mir selbst. Ich fühle mich schuldig.
Jeden zweiten Abend schildere ich zwischen Tür und Angel meinem Mann Situationen des Tages und hoffe, eine einfache Lösung auf dem Silbertablett serviert zu bekommen, weil ich nicht mehr weiter weiß. Er hat meistens auch keine guten Ideen.
Da lag es neulich auf der Hand: Fortbildung mit einem Erziehungsratgeber! Wie machen andere Mütter das? Eine gute Mutter zu sein? Denn ich hatte das Gefühl, dass die anderen es alle besser machen als ich. Ich durchforstete das Internet. Ich landete auf dem ein oder anderen Klappentext eines Sachbuchs, auf Blogs von Herzblut-Pädagoginnen oder selbsternannten Supermuttis.
Und ich merkte immer sofort: hier kann ich nicht weiterlesen. Das interessiert mich nicht! Das passt nicht zu mir. Und manchmal kreuselten sich mir auch einfach nur die Fußnägel. Heißt das also im Umkehrschluss, ich bin eine schlechte Mutter?

Bin ich eine gute Mutter

Super- oder Rabenmutti?

Ich halte mich für eine leidenschaftliche Mama. Ich gehe (meistens) in meiner Rolle auf. Ich gebe hundert Prozent. Ich habe mich aus freien Stücken und Überzeugung dazu entschlossen, meine Kinder bis zum Kindergarteneintritt selbst zu betreuen. Dafür verzichte ich aktuell auf ziemlich viel Lebensqualität und Karriere. Ich denke mir spaßige Sachen für uns aus, bin kreativ mit ihnen, fördere und fordere, versorge sie mit allem, was sie brauchen. Und schenke ihnen so viel Wärme und Aufmerksamkeit, wie ich kann.
In meiner spärlichen „Freizeit“ nähe ich ihnen dann auch noch Karnevalskostüme oder Geburstags-Shirts und stöbere in Onlineshops nach schöne Geschwister-Outfits. Unter anderem weil mir selbst der Anblick freudige Momente beschert. 
Mir ist es eine hohe Priorität, dass sie eine glückliche Kindheit haben und dass sie mich auch rückblickend als „gute Mutter“ in Erinnerung behalten.
Ich brenne für eine gesunde Ernährung. Das ist mein Herzensding. Da habe ich mir viel Wissen angehäuft, das ich gerne an andere Eltern weitergebe. Stillen, Beikost, Familienküche: Bei den Themen habe ich eine fundierte Meinung. Sie haben auch im Alltag eine recht hohe Priorität für mich.
Erziehung mache ich aber – etwas halbherziger – aus dem Bauch heraus.
Aber wenn ich dann nach links und rechts schaue, fühle ich mich damit manchmal schlecht. Das was ich mache, sei manipulativ und gewaltsam. Veraltet und falsch. Sagen die Mamas, deren Herzensding nicht die Ernährung, sondern die Pädagogik ist. Sie haben „bedürfnisorientiert“ oder „unerzogen“ auf ihren Arm Instagram-Account tätowiert. Und brennen dafür! Sie achten im Gespräch mit ihren Kindern auf die perfekte Wortwahl, sagen nie nein, werden niemals laut, können ihre eigenen Bedürfnisse komplett verdrängen und haben einen Geduldsfaden bis zum Mond und zurück. Diese Mamas wettern gegen alles andere. Gegen Belohnungen und Verbote, gegen Regeln, gegen ein autoritäres Rollengefüge. Schimpfen sei schon verbale Gewalt. Gewalt ist ein Verstoß gegen die Menschenrechte. Und grundsätzlich sind sie immer gegen das, was „früher“ gemacht wurde.

Ich finde diese Strömungen okay. Erziehung oder eben nicht ist das Hobby dieser Mütter. Bei einigen ist es sogar der Beruf.
Aber ich traue mich jetzt einfach mal, zwei kritische Anmerkungen zu den aktuellen „Erziehungstrends“ zu machen.

Warum machen wir Mamas uns gegenseitig Schuldgefühle?

Wieso maßen sich die Pädagoginnen unter uns an, den einzig richtigen Weg zu kennen? Wieso fühlt man sich nach dem Lesen ihrer „Leitlinien“ so schlecht? Leben und Leben lassen, das wünsche ich mir!
Ich würde genau diese Mamas, deren Herzen für eine bedürfnisorientierte Erziehung schlagen, niemals dafür kritisieren, dass ihre Kinder täglich Nutella-Toast frühstücken oder den ganzen Nachmittag auf dem Spielplatz snacken, obwohl ich das für falsch halte. 
Bekommt man beim Lesen meiner Artikel das Gefühl, eine schlechte Mama zu sein, nur weil man seine Kinder anders ernährt?
Ich möchte lediglich meine Ideen sammeln und ein bisschen Wissen vermitteln für diejenigen, die danach suchen. Ich halte aber niemanden für eine schlechte Mutter, nur weil sie dem Speiseplan des Kindes weniger Beachtung schenkt als ich.
Ich persönlich halte die Ernährung für extrem wichtig. Beeinflussbare Gesundheit kommt MEINER MEINUNG  nach von Innen und das, was man isst, ist Grundgerüst für so vieles mehr. Nicht nur die Bindung zum Kind.
Übrigens ist auch in meiner Familie nicht nur das, was ich öffentlich zeige, weil ich euch damit inspirieren möchte auf dem Speiseplan, sondern auch mal Tiefkühl-Fischstäbchen oder Kekse.
Für mich hat es keine Priorität, dass ein Kleinkind ausschließlich Schuhe mit Barfußsohle, Bio-Schurwolle trägt und Holzspielzeug besitzt. Es ist für mich kein Weltuntergang, wenn mal an einer schadstoffbelasteten Quietscheente aus Plastik geleckt oder ab einem gewissen Alter genüsslich ein Stück Schokolade genascht wird. Im Haushalt gibt es tausende kleine, optimierungsbedürftige Baustellen. Ich bin kein Interior-Liebhaber. Keine Montessori-Anhängerin, Minimalistin oder Nachhaltigkeits-Beauftragte. Aber ich kann nachvollziehen, dass genau eines dieser Dinge (d)ein Herzensthema ist.
Eigentlich mag ich keine krassen Extreme. Doch ich respektiere, wenn andere Familien andere Schwerpunkte aus persönlicher Überzeugung setzen.
So möchte ich aber auch dafür respektiert werden, dass ich erziehe. Ich bekomme nämlich immer mehr das Gefühl, dass man das nur noch heimlich machen darf.

Bin ich Supermama oder Rabenmutter
Foto: Alex Weck Photography

Attachment Parenting früher und heute

Ich frage mich, ob früher tatsächlich alles so falsch gemacht wurde? Bedarf die Kindererziehung wirklich einer grundlegenden Reform, nach der so viele Stimmen schreien? Das impliziert doch, dass unsere eigenen Eltern bei uns alles verbockt haben. Dass wir traumatisiert sind und zu schlechten Menschen gemacht wurden? Das mag vielleicht im Einzelfall ausschlaggebend sein. Aber doch nicht pauschal. Ich mag mich eigentlich!
Außerdem: kann Erziehung uns überhaupt soweit beeinflussen oder ist es doch eher der Charakter?
Es ist total normal und natürlich, dass man sich von seiner Elterngeneration distanzieren möchte. Dass man es besser machen möchte als sie. Oder bloß anders. Dass man aus ihren Fehlern lernt. Das ist Teil der Evolution.
Aber ich persönlich habe gar nicht das Gefühl, dass meine Mutter in meiner frühkindlichen Phase so viel falsch gemacht hat. Sie hätte damals sicher das neue Gütesiegel „bedürfnisorientiert“ bekommen.
Aber auch ich lerne natürlich auch aus den Fehlern meiner Eltern. Da wäre zum Beispiel die Pubertät, in denen ich meine Kinder ganz sicher anders begleiten werde, als ich damals begleitet wurde. Da wäre das Thema Ernährung, bei der ich meine Eltern rückblickend etwas naiv und einfallslos fand. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum ich dafür besonders brenne?
Neulich habe ich mit einer meiner wertvollen Zwillingsmama-Freundinnen über das Dilemma geredet. Sie hat sich einfach mal die damaligen, verstaubten Erziehungsratgeber aus dem Bücherregal ihrer Mutter geschnappt und überraschend festgestellt: die Grundansätze von damals und heute sind komplett gleich!
Und wir haben beide bemerkt: Kann es sogar sein, dass wir als Zwillingsmütter, also als Begleiterinnen von ZWEI gleichaltrigen Kindern, sogar konsequenter und strenger sind, als unsere Eltern es mit uns waren?

intuitive Erziehung

Nun fragt ihr euch sicher, was die Erziehung, die aus meinem Bauch heraus läuft, anstatt von Fachkundigen abgesegnet zu sein, auszeichnet?!
Ich versuche meinen Kinder mit Respekt und auf Augenhöhe zu begegnen. Ich bin liebevoll und richte mich in meinen Möglichkeiten nach ihren Bedürfnissen. Aber ich führe sie auch. Es gibt klare Regeln und Grenzen. Ich bin emotional. Ich zeige ihnen meine Gefühle – positive und negative. Ich lobe und ich werde laut. Und wähle meine Worte ganz sicher nicht immer pädagogisch wertvoll. Vor allem, wenn ich sowieso gerade überfordert bin. Das kommt häufiger mal vor. Ich mag mich nicht immer dabei. Aber ich liebe meine Kinder und versuche ihnen eine grandiose Kindheit zu bieten.

wie erziehe ich richtig

 Eine gute Mutter darf auch Fehler machen

Ich raste manchmal mitten in der Öffentlichkeit aus. Meistens ist es in einer Gefahrensituation, zum Beispiel im Straßenverkehr. Die Zwillinge müssen da einfach auf mich hören und kooperieren. Mit Kindern in der Überzahl sollte man meiner Meinung nach manche Dinge mit der Stimme regeln können. Sonst müssten wir uns stark einschränken und den Lebensstil anpassen.
Manchmal werde ich aber auch fuchsteufelswild, ohne dass es unbedingt nötig wäre. Weil ich dann gerade meine Wut abladen muss. Zum Beispiel, weil ein Kind vorsätzlich meine liebevoll gehegten Tomatenpflanzen zerstört. Natürlich ist das kein Weltuntergang. Trotzdem bin ich verletzt und möchte in dem Moment zeigen, dass das ein Fehler war, den man nicht mehr wieder gut machen kann. Dass damit meine Toleranzgrenze überschritten wurde.
Was ist daran so falsch, Wut, Ärger und Traurigkeit im behüteten Umfeld kennenzulernen? Meiner Auffassung nach ist es auch die Aufgabe einer Mama, Grenzen zu setzen und für die Gesellschaftstauglichkeit vorzubereiten.
Etwas, was ich meinen autonomen Bomben gerade oft erzähle, ohne zu wissen, ob irgendetwas davon bei ihnen ankommt: Wir alle müssen einander gegenseitig respektieren. Respekt und Bedürfnisse existieren nicht nur einseitig. 
In der Schwangerschaft und im Wochenbett war ich oft einen Tacken zu barsch und hin und wieder auch richtig willkürlich – Hormonen und Überlastung sei Dank. Ich hoffe aber, dass meine Großen in keiner Sekunde an meiner Liebe zu ihnen zweifeln mussten.

Belohnungen & Bestrafungen

Ich manipuliere – bei guter Laune spielerisch – bis sich die Balken biegen. Mit einem Belohnungssystem sind die Zwillinge gerade trocken geworden. Alle fühlen sich nun damit besser! (Das ist aber eigentlich ein anderes, eigenes Thema…).
Wenn ich mir nicht anders zu helfen weiß, zeige ich Konsequenzen auf. Ich drohe also. „Wenn du nicht das machst, dann…“ Sätze fallen hier häufig. Und damit fühle ich mich im Gegensatz zum Schimpfen oft noch nicht mal schlecht. Irgendwie müssen wir ja vier bis fünf Bedürfnisse jonglieren. Und wenn nur herumgetrödelt wird, bleibt am Ende einfach keine Zeit mehr für das gewünschte Bilderbuch oder Spiel. Das ist keine Strafe, das ist (leider) Mathematik.
Ich versuche ein gutes Vorbild zu sein. Ich schaue mir selbst auf die Finger und refelektiere. Weniger fluchen sollte ich unbedingt! Aber an den Erziehungsstilen anderer Eltern möchte ich nicht messen, ob ich eine gute Mutter für meine Kinder bin. Ich spiele nicht eine Figur, die ich nicht bin. Ich bin authentisch. Ich mache meine Sache gewiss nicht immer gut. Ich habe meine Fehler. Aber ich gebe tagtäglich mein Bestes.

Elternschaft mit Selbstzweifeln

Ich gebe zu: meine Gedanken zur Kindererziehung sind alle etwas wirr. Und an allen Ecken und Enden kommen neue Denkanstöße hinzu. 
Zum Beispiel, ob Erziehung nicht vielleicht auch maßgeblich von der eigenen Persönlichkeit geprägt ist? Ein spannendes Thema, das ich demnächst noch einmal aufgreifen möchte. Oder ob man mit zu viel Aufmerksamkeit verziehen kann?
Worum es mir eigentlich hier geht: Elternschaft ist fordernd. Wenn nicht gar DIE Herausforderung des Lebens, wenn man mit dem Perfektionswahn an die Sache heran geht, der für unsere Generation in vielen Bereichen so typisch sein soll. Selbstzweifel und Selbstreflektion sind vollkommen angebracht, wenn man „nur das Beste fürs Kind“ möchte. Der Blick nach links und rechts sollte jedoch zur Inspiration geschehen, nicht, um andere Ansichten und Vorgehensweisen zu verurteilen.
Wir können nicht alles perfekt machen. Wir brauchen uns nicht komplett aufgeben. Trotzdem werden die Kinder groß! Und zu gar nicht so geringer Wahrscheinlichkeit wollen sie auch noch nach der Pubertät etwas mit uns zu tun haben. 

Und wie seid ihr? Was sind eure besten und was eure schlechtesten Eigenschaften im Bezug auf die Elternschaft? Nach welchen Idealen erzieht ihr? Oder eben nicht? Ich bin sehr gespannt auf euer Feedback.

Milch & Mehr Mamablog Signatur

Bin ich trotz Fehler eine gute Mutter

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