Familie, Tagebuch
Schreibe einen Kommentar

Die 32. Woche (31+0 bis 31+6)

ACHTUNG: dies ist ein sehr emotionaler Post, in dem viel gejammert wird! Wer lieber bei meinen sonst eher heiteren Berichten bleiben möchte, der sollte nun nicht mehr weiterlesen…
 
Ich bin mir nicht sicher, ob dies die längste oder kürzeste Woche ist, die ich hier zusammenfasse. Eigentlich verging die Zeit natürlich so schnell oder langsam wie sonst auch. Für mich fühlt sich allerdings auf einmal alle ganz anders an. Jeder gewonnene Tag ist ein emotionaler Kraftakt und Festtag zugleich.
Der Bericht wird auch nicht unmittelbar veröffentlicht. Mir ist momentan einfach nicht danach, diese Geschichte in die Welt hinauszuposaunen, ohne dass ich den Ausgang besser abschätzen kann. Mit all den lieben Menschen, die sich mit uns Sorgen machen, kann ich momentan nicht so viel anfangen. Denn stark sein für diejenigen, die sich gar nichts unter einer Frühgeburt vorstellen können und unsere Situation noch weniger packen können als ich selbst, kann ich momentan nicht auch noch. Deshalb igel ich mich weitestgehend ein.
 
Den Wassermelonen-Status werden wir sowieso nicht erreichen. Allerdings seid ihr jeweils so groß und schwer wie eine halbe Melone. Da können wir schummeln. Zwillings-Obstbonus!
 
Was ist also passiert? Ich war auf einem richtig guten Vortrag übers Stillen. Anwesend waren noch drei weitere Zwillingsmütter-in-Spe, zwei waren sogar fast gleich weit wie ich. Die Laktationsberaterin ging dann in ihrem Vortrag immer super auf die Besonderheiten vom Zwillingsstillen ein und zeigte uns hinterher sogar nochmal mit Puppen, wie die Kinder angelegt werden können. Natürlich hatte ich auch da schon im Hinterkopf, dass wir ein Fliegengewicht und eventuell zwei Frühchen zu nähren haben. Allerdings klang alles einfach nur gut und machbar. Im Anschluss hatte ich meinen Termin zur Risiko-Geburtsanmeldung. Dort sollte schon mal die Bürokratie mit einer Hebamme erledigt und die Geburtsoptionen mit einem Arzt durchgesprochen werden. Der Pränatalzauberer wollte die Gelegenheit gleich nutzen, um noch einmal einen Kontrolldoppler durchzuführen.

Diese zeigte leider eine Zunahme des Drucks im Nabelschnurgefäß des Jungen. Die Plazentafunktion wird also weiter schlechter und er muss sich immer mehr anstrengen, um sich zu versorgen. „Jetzt ist es wohl Zeit für die Lungenreife“, urteilte der Pränatalzauberer. Ab diesem Zeitpunkt ist für mich alles nur noch eine einzige Blase. Ich war ziemlich zickig. Mein Mann fehlte mir. Ich dachte immer wieder: „Die wollen mir meine Babys gleich nehmen. Wie können sie mir einfach meine Babys jetzt schon nehmen, obwohl es ihnen gut bei mir geht?“ Der Geburtshelfer kam dazu, während ein sehr gutes CTG abgeleitet wurde und versuchte mich von der Lungenreife zu überzeugen. Ich habe mal in einer Fortbildung gehört, dass sich Patienten in ernsten ärztlichen Aufklärungsgesprächen nur ca. 15-20% des Gesprächs merken konnten. Trotz meines akademischen Status und meines Fachwissens erging es mir haargenau so. „Er hat Stress. Er kann sterben“, sind noch die Fetzen, die mir ins Gedächtnis gebrannt sind. Letztendlich flossen Tränen. Wir einigten uns auf eine weitere Kontrolle in wenigen Tagen. Und der erste Vermerk in meiner Akte war direkt, dass ich gegen ärztlichen Rat handle. Denn eigentlich sollte ich für die Lungenreifung aufgenommen werden.
Für mich brach wirklich die Welt zusammen. Was sollte ich bloß tun? Zwei Frühchen auf die Welt bringen, wobei es dem Babymädchen augenscheinlich perfekt in meiner Gebärmutter gefällt und auch der Babyjunge nach meinem Bauchgefühl noch nicht wirklich gestresst wirkt? Abwarten und wohlmöglich den Zeitpunkt verpassen, an dem es dem Babyjungen wirklich schlecht geht? Obwohl ich sehr genau weiß, dass ich nichts dafürkann, dass seine Plazenta weniger Gefäße hat als die seiner Schwester – gebe ich immer wieder mir die Schuld. Warum bin ich nicht in der Lage, beide optimal zu versorgen? Ich habe ihnen versprochen, immer für sie da zu sein, da waren sie nur kleine Zellhaufen und ich wusste gar nicht, dass sie je meine Babys werden. Und nun führt scheinbar kein Weg daran vorbei, dass ich sie für die ersten Lebenstage und –Wochen im Stich lasse. Weil sie Inkubator, Schläuche, Sonden und vielleicht sogar Atemunterstützung brauchen.
Objektiv gesehen weiß ich, dass wir eigentlich schon sehr weit gekommen sind. Dass sie aller Voraussicht nach noch nicht einmal zu den ganz aufwendigen Patienten auf der Neonatologie gehören werden. Dass, wenn alles gut geht, Folgeschäden eher unwahrscheinlich sind. Dass wir über einen Zeitraum von wenigen Wochen statt Monaten reden. Dass es viele Eltern gibt, die Schlimmeres durchmachen.
Trotzdem macht mich die Situation fertig. Hätte ich vorzeitige Wehen, einen verkürzten Muttermund oder einen Blasensprung, würden sie mir die Entscheidung abnehmen. Dann gäbe es keinen anderen Weg. Aber so fühle ich mich verantwortlich für ihr Schicksal.
Ein paar Stunden nach der „Geburtsanmeldung“ habe ich dann begriffen, dass die Kollegen sich und den Kindern eigentlich nur alle Optionen offen halten wollten mit der Induktion der Lungenreife. Dass sie nicht geboren werden, wenn sich die Situation nicht verschlechtert oder wir dem nicht zustimmen. Aber während des Arztkontaktes fühlte ich mich einfach nur wie auf der Schlachtbank.
Ich habe mich dann letztendlich wie eine Besessene belesen. Jede Studie, die ich zum Thema „intrauterine Wachstumsrestriktion“ (IUGR) finden konnte wurde von mir gewälzt. Die restliche Zeit starrte ich in der Gegend rum oder überlegte panisch, was wir noch alles gar nicht vorbereitet hatten.
Die Studien waren zu einem kleinen Teil wirklich besorgniserregend (Folgeschäden, Auswirkungen aufs Kind), zum großen Teil trafen sie sich allerdings genau mit meiner/ unserer Intuition: Nichts überstürzen. Teilweise schlugen die Kollegen sogar richtige Fahrpläne vor. Das gab wieder Kraft, noch ein paar Tage und vielleicht sogar Wochen zu überstehen.
Die Lungenreife ließ ich mir dann doch verabreichen. Quasi ambulant. Durch einen Freund. So ersparte ich mir den Stress durch einen Klinikaufenthalt, war aber für alles gewappnet.
Für den nächsten Kontrolltermin gab es zwei mögliche Ausgänge – wenn die Werte unverändert bleiben, wird weiter abgewartet, wenn sie sich verschlechtern, wird es mehr als ernst. Hoffnung, Optimismus, Angst, Pessimismus – ich habe alles durchlebt.
Letztendlich endete die erneute Untersuchung für uns mit dem bestmöglichen Resultat, was wir uns ausgemalt hatten: die 32. SSW kann beendet werden und es wird nochmal kontrolliert.

Wir leben wirklich nur noch in Tagesetappen. Langfristige Pläne sind nutzlos. Der Faden zieht sich von Untersuchung zu Untersuchung. Ich bin groß im Anstarren von Kalendern geworden. Gleichzeitig hasse ich es, im Supermarkt auf Verfallsdaten zu schauen. Zu meinem Tageshighlight zählt immer der Moment, wenn wir CTG spielen. Mit dem Stethoskop lauschen wir den Herztönen der Kleinen. Es gibt wirklich momentan kein schöneres Geräusch!
 
 

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.