Familie, Tagebuch
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Geschichten vom Kinderkriegen: DIE Geburt

Ich muss gestehen: Ich bin kein großer Fan von Geburtsberichten. Vor der Schwangerschaft habe ich sie regelrecht verschlungen. In der Schwangerschaft hat mich das Lesen eher nervös gemacht. Und nun – macht es mich immer ein bisschen wehmütig und in mir kommt das Gefühl auf, etwas elementares verpasst zu haben. Vorgeburtliche Wehen, platzende Fruchtblase oder überhaupt den Kreissaal – habe ich nie erlebt.
War meine Geburt überhaupt eine Geburt oder eher eine Operation? Ist das Erlebnis nicht trotzdem es ausschließlich im sterilen Operationssaal stattfand zu persönlich?
Mittlerweile ist es schon eine ganze Weile her und ich möchte doch hier festhalten, wie die Zwillinge auf die Welt kamen.
Denn es war sehr wohl eine schöne Geburt. Für mich und meinen Mann. Ein paar Gegebenheiten möchte ich einfach aufschreiben, damit wir sie nicht vergessen. Und das große Stilldrama kann man hiermit einfach besser verstehen…
Also nun geht’s los – der Bericht über eine operative, geplante Frühgeburt von Zwillingen.

Geburtsbericht Zwillinge geplante Fruehgeburt

Das letzte Bauchfoto kurz vor der Schlachtbank.

Schon kurz nach der Geburt war uns klar, dass es für uns ein wunderbares Ereignis war. Wir kennen es ja nun nicht wirklich anders und können es nicht mit einer natürlichen Geburt vergleichen. Allen Erwartungen zum Trotz war unser Erlebnis wohl auch nicht großartig anders, als ein geplanter Kaiserschnitt um den Geburtstermin herum. Aber irgendwie doch.
Deshalb startet die Geschichte auch schon am Vortag. Doppler-Tag. Wir waren bereit.
Viel länger würde der schlecht versorgte Sohn nicht mehr aushalten. Wir hofften auf ein weiteres Wochenende. Aber richtig überzeugt war ich nicht. Bauchgefühl. Die halbgepackte Tasche blieb trotzdem zu Hause.
Also kam der Moment. Ich sah selbst schon auf dem Wand-Bildschirm, dass der Wert schlechter war. Dann der Blick des Geburts-Gurus auf seinen Monitor. Mein Mann schaute fragend, verstand aber auch ohne Worte. Ohne den Blick zu heben fragte der Geburts-Guru mich, wann ich denn das letzte Mal gegessen hätte. Panik. Was er mir damit sagen wollte verstand ich bestens. „Aber unsere Spülmaschine ist noch an“, platzte es aus mir heraus. Das löste ein bisschen die Spannung im Raum. Wir alle drei mussten lachen. Schließlich einigten wir uns nach Kontrolle der Herztöne, dass am Folgetag alles seine geregelten Bahnen gehen sollte. Das war medizinisch vertretbar und für meinen Mann und mich die bessere Alternative als eine Art Not-Sectio am Nachmittag. Schon alleine wegen der besseren Besetzung in der Kinderklinik war mir das wichtig.
Also wurde ich für einen geplanten Kaiserschnitt vorbereitet. Ich! Die nicht nachvollziehen kann, wieso Frauen sich freiwillig einer Bauch-Operation unterziehen, wenn es vermeidbar ist (das bleibt natürlich jedem selbst überlassen, es gibt genug triftige – physische und psychische – Gründe für ebendiese OP). Ich hätte es nach Beendigung der 33. Schwangerschafts-Woche natürlich auch mit einer Einleitung versuchen können. Dann hätte ich wenigstens mal vorgeburtlich eine Wehe mitbekommen. Es sprach aber der ungewisse Zustand des Sohns dagegen. Und vor allem, dass weder die führende Tochter noch die Mutter emotional für die Geburt bereit waren. Deshalb ließ ich mich auf die Operation ein. Für meine Kinder. Zum ersten Mal wurde mir klar: Ich würde für die beiden wirklich alles tun.
Dass sich die nächsten Stunden surreal anfühlten, versteht sich wohl von selbst. Trotzdem schliefen wir in der Nacht erstaunlicherweise nicht vollkommen katastrophal. Der nächste Tag war der Geburtstag unserer Kinder. Niemand wusste davon. Trotzdem hatten einige Freunde und Familienmitglieder eine gute Intuition. Die Handys wurden ausgemacht. Nur noch wir beide und das Krankenhaus-Team im Kampf um die Früchtchen.

Auf der kurzen Fahrt im Auto versuchte ich den Mann noch zu überreden mich auf eine einsame Jagdhütte ins Harz zu bringen. Damit alles doch noch den natürlichen Weg gehen konnte. Damit ein Wunder geschehen konnte. Ich war doch noch nicht bereit. Die Babys waren noch nicht reif. Ich wollte aber nicht ins Harz, weil ich dort oder auf der Jagd so schön finde geschweige denn schon mal dagewesen wäre. Das dachte die Narkoseärztin, als ich ihr von meinem Plan erzählte. Einfach nur weg von Krankenhäusern, Ärzten, OP und dem doofen Doppler-Gerät…
Aber es half ja nichts. Die blöde Plazenta musste weg und die Früchtchen in den warmen Kasten.

Zurück zum besagten Morgen. Ich wurde final vorbereitet, wir warteten länger als gedacht. Ich hatte Hunger und Durst. Wir waren aufgeregt. Dann wurde ich doch irgendwann in den OP gefahren.
Ich hatte ein wenig Angst vor der Spinalanästhesie. Ich hatte schon oft erlebt, dass diverse Frauen dabei sehr leideten. Das war aber wirklich nur ein kleiner Pieks. Zu Freude aller beteiligten konnte ich mich zur Anlage sogar auf dem OP-Tisch selbstständig in den Schneidersitz begeben, ich alter Yogi. Natürlich wäre ich lieber ein unbeweglicher Wal in der 38. Schwangerschaftswoche gewesen. Aber gut, gönnte ich dem Personal eine kleine Freude.
Dann war ich aber wirklich so nervös, dass ich meinen bisherigen Rekord-Blutdruck aufzeichnete. Der Alarm bimmelte in einer Tour. Sonst habe ich immer zu niedrigen Blutdruck. Verrückter Körper.
Es wurde besser als der Mann zu mir kommen durfte. Für ihn war es eine neue Welt, das grün-silberne OP-Innenleben.
Als Mensch, der schon mal auf der anderen Seite des Tuchs stand, nimmt man wahrscheinlich doch alles anders war als ein bislang Unbeteiligter. So ist mir noch im Gedächtnis, dass ich jedes Geräusch der Instrumente zuordnen und mir damit vorstellen konnte was in meinem Bauch passierte. Besonders das Summen des Verödungsinstruments hat mir zugesetzt oder die Tatsache, dass der Absaugbehälter zu meiner Linken beim Vernähen immer voller und roter wurde.
So skurril das auch alles war, so stark rückte es in den Hintergrund. Denn wir hörten erst einen Schrei, dann den zweiten Schrei. Wir bekamen beide Kinder, selbstständig atmend, gezeigt, bevor sie zur Erstversorgung in den warmen Nachbarraum mussten. Da sie wunderbar stabil waren, kamen sie auch zurück. Wir wurden im Vorfeld darauf vorbereitet, dass dies alles eher nicht passieren wird und hätten überhaupt nicht damit gerechnet. Leider waren deshalb auch meine beiden Arme fixiert und mit Zugängen, Infusionen und Kabeln bestückt, sodass ich die Babys nicht anfassen konnte. Der Kinderarzt sorgte dafür, dass mich die winzigen Nasen im Gesicht berührten. Quasi war das unser erster Kuss. Ein unfassbar schöner Moment. Der Mann hat wie wild fotografiert. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Das hatten wir uns vorher so überlegt. Denn dann folgte die harte Stunde. Die Stunde, in der ich im Kreissaal überwacht werden musste, während meine Kinder auf der Intensivstation ankamen. In ihren warmen Kasten zogen. Nach der kuscheligen Gebärmutter nun ihr neues Zuhause.
Ich habe mir in den letzten Schwangerschaftswochen viele Gedanken um diese Stunde gemacht. Wie ertrage ich die Zeit ohne die beiden? Mit einem flachen Bauch? Mit der Leere? Mit der Ungewissheit? Im Nachhinein fühlte es sich nicht so schlimm an wie befürchtet. Ich war voller Glückshormone. Immer und immer wieder schaute ich die Fotos an. Irgendwann wurde ich unruhig, schickte den Mann zu den Kindern. Er kam mit neuen Fotos wieder. Aber auch nur, um mich abzuholen. Mit dem Bett ging es eine Etage höher. Ich wurde zwischen beide Inkubatoren geschoben. Vollkommen glücklich.

So stark dieses Geburtserlebnis auch von dem, was ich mir eigentlich vorstellte, abwich – ich habe es in der Situation selbst nicht als schlimm empfunden. Meinen Kindern ging es den Umständen entsprechend gut. Das bedeutete mir alles. Sie waren so tapfer.
Nach diesem ersten Kennenlernen folgte noch viele ziemlich harte Stunden und Tage. Ich habe mich emotional wirklich auf die Situation vorbereitet so gut es ging. Irgendwie hatte ich aber verdrängt, dass ich mich einer offenen Bauch-Operation unterziehe. Ich wurde von den starken Schmerzen und der damit verbundenen Immobilität überrascht. Das war das was am schlimmsten für mich war. Physisch und psychisch. Ohne richtiges Bonding fehlten die Hormone, die mich wieder auf die Beine brachten.
Und die plötzliche Leere. In den ersten Stunden war der Bauch flacher als flach. Einfach so. Viele würden mich darum beneiden. Oft hörte ich nett gemeinte Sätze wie „Dass da zwei Babys drin waren glaube ich nicht.“ Das traf mich. Lieber wäre ich dick und fett geworden, wenn die Früchtchen dafür noch ein bisschen weiter in mir hätten wachsen dürfen und dafür hätten bei mir sein können statt auf der neonatologischen Intensiv-Station in ihren Kästen.

So kamen also die Früchtchen auf die Welt. Ein geplanter Kaiserschnitt. Etwas zu früh. Aber dafür ziemlich unspektakulär.

Geburtsbericht Zwillinge Kaiserschnitt

Sollte jemand hierher gefunden haben, der sich auch auf eine solche Situation vorbereiten muss, kann ich noch folgende Dinge empfehlen: Natürlich steht bei der Krankenhaus-Auswahl an aller erster Stelle, ob es ein Perinatal-Zentrum Level I gibt und dessen Referenzen. Eine sehr gute Übersicht gibt es dazu hier .
Allerdings ist nicht zu verachten, dass nach einem Kaiserschnitt Auto(bei)fahren und Fußwege kein Spaß sind. Deshalb sollte man sich entweder nach einer Unterbringung im Krankenhaus erkundigen oder darauf achten, dass der Weg von zu Hause aus vertretbar ist.
Mir war ein vorgeburtliches Gespräch mit dem verantwortlichen Kinderarzt sehr wichtig. Das schafft eine erste Vertrauensbasis. Außerdem war für mich von großer Bedeutung, die Kinder direkt besuchen zu können. In unserem Fall wurde das mit Betten-Transport direkt aus dem Kreissaal gelöst. In anderen Krankenhäusern ist es logistisch wohl nicht möglich und man muss sich in den Rollstuhl quälen. Das habe ich erst nach mehreren Anläufen, unter Opiat-Analgesie und mit der Hilfe zweier rabiater Birgits am späten (!) Folgemorgen geschafft. Ich kenne Frauen, die waren schneller auf den Beinen, andere noch später. Hätte ich meine Kinder nicht zu besagtem Zeitpunkt besuchen können, wäre ich psychisch komplett eskaliert. Die ganzen Fotos, die mein Mann im OP und hinterher auf der Intensivstation gemacht hat, hatten eine immense Bedeutung für mich. Immer wieder habe ich sie mir angeguckt. Die ganze Nacht. Wenn die Schmerzen schlimmer oder die Sehnsucht größer wurde(n). Und auch, als ich meine neue Freundin kennenlernte. Die Pumpe. Aber das ist eine andere Geschichte

P.s.: Wieso es zu einem geplanten, zu frühen Kaiserschnitt gekommen ist, kann in den letzten Schwangerschafts-Wochenupdates (33. Woche, 32. Woche) nachgelesen werden. Wer wissen möchte, wie es auf der Neonatologie für uns weiterging und wie zwei Frühgeborene zu Stillkindern wurden, dem empfehle ich mein Stilldrama.

0 Kommentare

  1. Vielen Dank fürs Teilhaben lassen! Ich finde ja jede Geburt ist ein wahnsinnig überwältigendes Ereignis und immer wert darüber zu reden. Übrigens war ich gerade auf der Buchvorstellung von Das Geburtsbuch schon wieder von Nora Imlau ?, war ganz toll und das Buch ist auch richtig klasse ist gegliedert in vorbereiten -erleben – verarbeiten und behandelt von der Alleingeburt bis zum Wunschkaiserschnitt jeden Geburtsmodus auch über Zwillingsgeburt gibt es ein Kapitel. Viele Grüße Melanie

  2. Liebes Froillein Doctor,

    trotz aller Quälerei liest sich dein Bericht schön, es hört sich trotzdem nach "guten Ankommen" an, so aus der Ferne.

    Es beruhigt mich das du die Instrumente zugeordnet hast, vor meiner ersten Operation habe ich den Anästhesisten sehr genau zur verwendeten Narkose befragt, so gründlich das er irgendwann misstrauisch fragte: was machen sie beruflich? 😉 Wieso ich das tat, ist 'ne andere Geschichte…

    Herzlichen Glückwunsch zu den Früchtchen und danke für deinen Bericht!

    LG Romanleserin

  3. Das hört sich ja auch schon wieder nach einem spannenden Buch an! Ich hoffe, sie hat nicht selbst alles erlebt, sondern sich gut beraten lassen 😉 das wäre ja dann doch ein bisschen zu überwältigend!

  4. Danke für deine lieben Worte und die Glückwünsche! Aus der Ferne richtig gedeutet 🙂 Mit den Instrumenten fand ich nicht ganz so beruhigend – das war zu viel Kopfkino…

  5. Ähm ja, Kopfkino ist sowas gemeines….ich meinte das mit dem beruhigen eher so: ich bin nicht die einzige die so bescheuert ist und das hat mich dann wieder dahingehend beruhigt, nicht völlig bekloppt zu sein 😉

    Kopfkino habe ich gerade nämlich reichlich im Angebot *seufz* Deshalb werde ich das jetzt auch nicht näher ausführen…

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