Geburt & Wochenbett, Gesundheit
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Geschichten vom Kinderkriegen III: die eindrucksvollste Geburt

Da ich mir ja in der vergangenen Woche schon erste Gedanken zur Geburt gemacht habe, muss ich euch langsam wirklich mal weiter von „meinen“ bisherigen Geburtserfahrungen berichten. Ehrlich gesagt waren das ausbildungsbedingt ganz schön viele und manchmal auch ganz schön kurze Geburten, sodass ich mich an manche Details kaum noch erinnern kann. An eine Situation kann ich mich allerdings noch so gut erinnern, als wäre es erst letzte Woche gewesen. Das war wirklich die eindrucksvollste, schönste Geburt, die ich bislang miterleben durfte. Und zwar war es quasi eine afrikanische Dorfgeburt, obwohl ich noch nie auf diesem aufregenden Kontinent unterwegs war.
Es ist nicht selbstverständlich, dass man als Medizinstudent bei Geburten dabei ist. Viele meiner Freunde und Freundinnen haben maximal bei einem Kaiserschnitt assistiert. Ich bin sehr glücklich, dass ich die Erfahrung mehrmals machen durfte und die betroffenen Frauen mich in dieser intimen Situation dabei haben wollten. Hier lernte ich nicht für den Beruf, sondern wirklich fürs Leben.

afrikanische Geburt Erfahrungsbericht

Die Geschichte spielt in einem fernen, kleinen Land in Vorderasien. Ich habe ein Praktikum gemacht. Eigentlich wird in diesem Land mit hohen medizinischen Standards gearbeitet, vergleichbar mit den hiesigen. Allerdings gibt es in diesem Land auch eine größere Gruppe Einwanderer aus einem ganz, ganz armen afrikanischen Staat mit vielen Problemen.
Aus genau diesem Land stammte die Gebärende. Sie war erst vor Kurzem aus ihrer Heimat gekommen. Geflüchtet vor Armut, Elend und Krieg. Sie konnte allenfalls ein paar Wortfetzen der Landessprache und nur minimalstes Englisch. Somit bestand die Kommunikation unter allen Beteiligten weitestgehend auf Mimik und Gestik. Mit Händen und Füßen. Ein Blick auf die Krankenakte verriet mir, dass das Mädchen ein bisschen jünger war als meine kleine Schwester. Sie erwartete nun ihr zweites Kind. Das erste war vor etwas mehr als einem Jahr zu Hause zur Welt gekommen. Meine Schwester hatte gerade ihr Abitur gemacht und bereitete sich auf ein Studium vor.
Sie, also die Gebärende, war ein ganz zierliches Geschöpf, auf den ersten Blick zerbrechlich, auf den zweiten stählern. Vermutlich in der Kindheit unterernährt. Und auch wenn ich schon oft dachte, dass ein schwangerer Bauch nicht solche Dimensionen annehmen könnte, hatte ich wieder einmal das Gefühl, noch nie einen größere Babykugel gesehen zu haben. Als ich die Kreis-Box* betrat, war sie gerade unter akuten Wehen. Ihr Gesicht war schmerzverzehrt. Schweißperlen zierten die Stirn. Auf der Sprache, die keiner von uns verstand, jammerte sie leise ausatmend vor sich hin. Ein melodischer Singsang. Nicht aufdringlich. Sofort viel mir auf, dass der werdende Vater fehlte, dafür aber eine etwas ältere Frau nicht von ihrer Seite wich.
Diese erklärte uns mit ein paar Wortfetzen und Körpereinsatz, dass Geburten in ihrem Land reine Frauensache wäre. Der Papa säße im Wartebereich und dürfe das Geburtszimmer nicht betreten. Das Kind würde er später zu Gesicht bekommen. Sie sei die Mutter/ werdende Oma und hätte in ihrem Heimatdorf als Hebamme fungiert.
Wir (also ich habe eigentlich sowieso meistens nur zugeschaut oder assistiert, aber ich war in Begleitung einer Ärztin und einer Hebamme) mussten eigentlich nichts tun. Schmerzmittel und dergleichen waren nicht gewünscht. Die werdende Oma leitete zu Atem-Jammer-Techniken im Singsang der afrikanischen Sprache an. Mal strich sie kurz über das Gesicht ihrer Tochter oder klopfte gegen den Bauch.
So öffnete sich nach und nach der Muttermund.
Plötzlich meldete sich die Dorfhebamme, die den Muttermund bislang nicht ein einziges Mal in Augenschein genommen hatte und erklärte uns, das es nun Zeit zum Pressen sei. Wir staunten nicht schlecht, denn der Muttermund war wirklich vollständig auf! Sie entscheide das nach Gefühl. Nach dem Blick der Tochter und nach Abtasten des Bauches.
Also wurde mit letzter Kraft, das merkte man dem Mädchen deutlich an, obwohl sie sich nicht mit einem Ton beschwerte, gepresst. Laut. Aber nich aufdringlich. Es wurde ein Junge geboren. Das gefühlt größte Neugeborene, was ich bislang gesehen hatte. Er nahm fast den ganzen Bauch und Brustbereich der Mama ein. Diese zeigte sich für unsere Verhältnisse und bekannten Maßstäbe relativ unemotional. Sie ließ ihn direkt saugen, schloss allerdings auch die Augen und wand sich ab, um ein bisschen neue Kraft zu schöpfen. Ankommen in Symbiose. Ohne neugierige Blicke. Aber doch so nah. Die frischgebackene Oma zeigte sich stolz und erleichtert, aber weiterhin ruhig. Gönnte den beiden die Zweisamkeit, selbstverständlich.
Währenddessen durfte ich entnabeln (juchu!, sonst machten es natürlich immer die Väter) und die Mutter/Oma gebar mit uns die Plazenta. Und das war wirklich das eindrucksvollste, was ich in der Geburtshilfe je gesehen habe. Bei uns wird das ja unter erneutem Pressen gehandhabt, teilweise medikamentös unterstützt. Ziehen soll man allerdings nicht, weil das zu unvollständigem Lösen führen kann, soweit ich weiß. Nicht selten geht es trotzdem irgendwie schief und endet im OP. Die afrikanische Geburtshelferin fing allerdings an ein bisschen an dem Nabelschnurstumpf zu ruckeln, ihn unter Vibration zu setzen und stimmte eine Melodie im Sing-Sang an! Die Hebamme schaute mich etwas verunsichert an. Die Ärztin war schon eine Box weiter gehuscht. Sollten wir sie wirklich machen lassen oder geht das schief? Noch ehe sie es sich genauer überlegen oder einen Arzt holen konnte war allerdings die vollständige Plazenta geboren. Die Mutter war in einem krafttankenden Halbschlaf. Das Kind kümmerte sich um den Milcheinschuss.  Somit endete die wohl eindrucksvollste Geburt, der ich bislang beigewohnt habe. Es war mir eine große Ehre, so einen besonderen, intimen Moment miterleben zu dürfen! Hier lernte ich, dass eine Geburt Zauber bedeutet. Egal wo sie stattfindet. Die Menschen machen sie aus. Nicht der 1A automatisch klimatisierte Kreissaal in den Vereinsfarben des örtlichen Fußballvereins und Gebärwanne und -Schaukel.
Ich hoffe, ich konnte für euch ein bisschen diese besonderen Stimmung aufleben lassen und euch mitnehmen…
Wer nun Lust auf mehr Geschichten vom Kinderkriegen bekommen hat, findet hier nochmal Teil I , und hier Teil II .

* In dem Krankenhaus im fernen Land werden 500 Geburten im Monat durchgeführt. Tagsüber gerne mal ungefähr zehn gleichzeitig. Deshalb gibt es keine richtigen Kreissäle, wie wir sie kennen, sondern nur einen großen Raum in dem sich für die Privatsphäre kleinere Boxen befinden. Die Ärzte sitzen in einer weiteren Box in der Raummitte und überwachen die CTG-Monitore und kommen der jeweiligen Hebammen, die ein oder zwei Boxen betreut, zur Hilfe, wenn es Komplikationen gibt.
Zum Vergleich: in kleineren deutschen Abteilungen der Geburtshilfe kommt es noch nicht einmal zu 500 Geburten im Jahr. Die beliebteste Geburtsabteilung einer 500.000-Einwohner-Großstadt mit im deutschen Vergleich überdurchschnittlicher Geburtenzahl verzeichnet ca. 2.000 Geburten jährlich.
Hausgeburten sind in dem Land eher untypisch. Die Bewohner schätzen weitestgehend die Annehmlichkeiten des Gesundheitssystems und die medizinische Unterstützung für den Fall der Fälle. Aber genau wie in Deutschland gibt es auch Frauen, die lieber mehr Privatsphäre wünschen und sich bewusst unter Kenntnis der Risiken für eine Hausgeburt entscheiden.

7 Kommentare

  1. Beeindruckende Geburtsvariante. In live hätte ich sie durchaus merkwürdig empfunden, glaube ich, aber da es ja offensichtlich gut funktioniert hat, ist es doch klasse. Und klingt relativ stressarm.
    Die Ärztebox in der Mitte finde ich gar nicht schlecht – damit ist sichergestellt, dass sie sich erstmal raushalten, solange alles gut läuft, aber wenn man sie braucht, sind sie schnell da. Das ist ein guter Kompromiss, glaube ich.

  2. Wow, ich stelle es mir wirklich beeindruckend vor bei einer Geburt dabei zu sein. Vor allem, wenn alles so glatt läuft wie hier. Großes Kind, kleine Frau und trotzdem eine harmonische Geburt. Echt schön.

    LG

  3. ja, das hat sicher Vorteile! Hier ist es in modernen Kreissälen wohl dank Telemetrie auch möglich…also der Arzt liegt in seinem eigenen Bereitschaftsbettchen, guckt sich das CTG auf dem Laptop an und kommt im Zweifel angerannt…

  4. Oooh ja – das kenne ich auch. Kleine Frau, großes Kind. Frau 1,58. Kind 59 cm mit 4.460 Gramm… Ich habe jeden cm mit gelitten…. Es war mein 3. Kind. Ich werde es nie vergessen.

    • Nora | milchundmehr.de sagt

      wow, das ist ja wirklich ein Riese! Aber am Sprichwort „Irgendwie kommen sie alle raus“ ist tatsächlich viel wahres dran.

      • danke für die Antwort. Er wird vermutlich auch ein Riese. Mir (1,92) geht er jetzt (mit 15) schon bis zur Nasenspitze ;).

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