Babys & Kinder, Gesundheit
Kommentare 10

Über das Impfen von Säuglingen

Ich bin eigentlich eine sehr tolerante Mama. Denke ich. Flasche oder Stillen? Trage oder Wage? Kita oder zu Hause? Ernährung? Schlafbegleitung? Keines dieser Babythemen geht mir unter die Haut. Die verschiedenen Meinungen und Ansätze haben alle ihre Berechtigung. Toleranz ist so wichtig. In allen Lebenslagen. Beim Thema Impfen ticke ich anders. Da bin ich absolut parteiisch. Eine 100%ige Befürworterin der STIKO-Empfehlungen. Da könnte ich wirklich ausflippen, wenn ich in Diskussionen hineingerate. Deshalb habe ich mir angewöhnt sowohl im virtuellen als auch im realen Alltag mich einfach nicht in diese Unterhaltungen einzumischen. Unter Müttern ist das aber auf einmal im wahren Leben gar nicht mehr so leicht. Da werde ich auf einmal um Rat gebeten. Und dann wurde ich letztens auch von einer lieben Mama gefragt, ob ich nicht einmal hier darüber schreiben könnte. Und über Themenvorschläge freue ich mich eigentlich immer. Somit krieche ich nun also aus meiner Komfortzone und beziehe Stellung. 😉 Und möchte damit niemanden reizen, sondern hoffe ein paar Unsicherheiten und Ängste beseitigen zu können…

Impfungen Baby Irrtuemer

Welche Impfungen aktuell (Stand 11/17) in Deutschland von der STIKO (ständige Impfkommission) empfohlen werden kann hier am besten direkt nachgelesen werden. Auch die ganzen fiesen Krankheiten, vor denen eine Impfung schützt, werde ich an dieser Stelle nicht alle detailliert erläutern können. Dazu gibt es aber schon genug gute Broschüren (einfach mal beim Kinderarzt oder bei der Krankenkasse nachfragen!) und ich gehe davon aus, dass die meisten schon ganz gut belesen sind. Ich werde stattdessen mal versuchen ein paar der Vorurteile, die immer wieder aufkommen, zu entkräften und noch ein paar Denkanstöße über den Sinn und Zweck zu geben.
Ich entschuldige mich schon einmal vorab für die Bissigkeit, die man ja eigentlich von meinen Texten nicht wirklich gewöhnt ist. Impfen ist für mich einfach ein Thema in schwarz-weiß ohne sonderlich viel grau.

Impf-Weisheit No1: Impfen macht NICHT krank.

Eigentlich so nicht ganz richtig. Nebenwirkungen gibt es definitiv. Impfstoffe lösen im besten Fall und absolut gewünscht eine Immunreaktion aus. Deshalb reagiert der Körper neben einer lokalen Reaktion auf Nadel und Wirkstoff häufig mit Fieber und Unwohlsein. Weil das Immunsystem arbeitet. Deshalb würde ich das Fieber auch nur senken und in die Reaktion eingreifen, wenn es dem Baby richtig schlecht damit geht. Eine pauschale zu tolerierende Höchsttemperatur ist schwer zu sagen, obwohl Ärzte das oft tun. Jeder Körper fiebert unterschiedlich hoch. Den Früchtchen geht es zum Beispiel mit knapp unter 39°C noch ganz gut. Also würde ich erst darüber antipyretische Medikamente verwenden.

Bei aktiven Impfungen (z.B. Masern, Mumps, Röteln und Windpocken) kann es auch zu LEICHTEN „Erkrankungen“ (z.B. Impfmasern) kommen. Weil ein abgeschwächter Erreger verabreicht wird, gegen den der Körper selbstständig Abwehrstoffe bildet, die lebenslänglich bestehen bleiben. An Impfmasern ist noch kein vorher gesundes Kind gestorben. An Komplikationen von Masern sind schon etliche vorher gesunde Kinder gestorben oder schwerbehindert geworden. Impfgegner behaupten das Gegenteil. Was sie allerdings nicht erwähnen ist, dass besagte dokumentierte schwere Impf-Komplikationen bei schwer vorerkrankten Kindern eintraten. Es bestanden zum Beispiel nicht vorbekannte, seltene Erkrankungen des Immunsystems oder schwere Herzfehler.
Das Risiko eines gesundheitlichen Schadens nach Impfung ist 1:>1 Million.

Impf-Weisheit No2: Die Impfung deines Kindes rettet dem Nachbarn das Leben!

Ein gewisser Anteil der Bevölkerung reagiert einfach nicht auf Impfstoffe und bildet keine schützenden Antikörper. Das wird aber in der Regel nicht getestet (unwirtschaftlich). Das heißt, obwohl alle Impfungen zeitgerecht verabreicht wurden, sind diese Pechvögel nicht geschützt und können schwer erkranken. Manche Menschen dürfen nicht geimpft werden, zum Beispiel in der Schwangerschaft oder weil Erkrankungen des Immunsystems vorbekannt sind. Deshalb ist es ziemlich egoistisch, sich selbst oder seine Kinder nicht impfen zu lassen und damit als Keimschleudern auf die Umwelt loszulassen. In diversen Ländern gibt es daher sogar Impfpflicht für Schulen und Kindergärten. Wären alle Menschen geimpft, würden die Erreger nämlich ausgerottet werden und die Impfungen irgendwann gar nicht mehr notwendig sein – Stichwort Pest. Mit der Ausrottung der Masern hätten wir es in Europa auch nicht mehr weit gehabt…leider steigen die Fälle wieder, weil das Nicht-Impfen wieder trendy wird. Das Stichwort hier lautet also Herdenimmunität.
Aktuell wird die Herdenimmunität in Deutschland zusätzlich herausgefordert durch Zuwanderung. In vielen Ländern wird lange nicht so sorgfältig geimpft wie hier. Vielen Menschen bleiben die lebensrettenden Injektionen einfach verwehrt! Somit werden die Erkrankungen, die wir hier schon gar nicht mehr richtig kennen, auf einmal in den Notaufnahmen wieder brandaktuell. Umso wichtiger ist es, sich bestmöglich zu schützen.

Impf-Weisheit No3: Impfen schützt vor SCHWEREN Erkrankungen!

Durch die hohe Impfrate bekommt man in Deutschland von den besagten Erkrankungen ja normalerweise gar nicht mehr so richtig viel mit. Deshalb gerät in Vergessenheit, wie schlimm die meisten davon verlaufen. Auf Tetanus und Diphtherie will ich gar nicht näher eingehen – dafür ist das Verständnis eigentlich immer recht gut. Aber auch Masern sind nicht einfach nur ein paar Pickel im Gesicht, sondern können zu Hirnhautentzündung und bleibenden Folgeschäden führen. Auch in Deutschland sterben noch immer Kinder daran. Mumps macht kleine Jungs schon unfruchtbar. Windpocken können Nervenschäden und dauerhafte Behinderungen hervorrufen. Röteln in der Schwangerschaft können zu Fehlgeburten oder schweren Fehlbildungen beim Ungeborenen führen. Wer meint, Polio gibt es nicht, der laufe zum Beispiel mal durch Neu Delhi und achte auf die deformierten Menschen am Straßenrand.
So – aber jetzt kommen die Infos, die die Kinderärzte in ihrem Aufklärungsgespräch manchmal nicht miteinfließen lassen: eine Rotavirus-Infektion bei Babys endet nicht selten auf der Intensivstation, in einigen Fällen auch in der Kühlkammer. Habe ich in meinem Studium miterlebt. Das gleiche gilt für die Meningokokken-Hirnhautentzündung. Der Impfstoff für alle Viren-Typen, inklusive des Typs B, der in Deutschland 4 von 5 Fällen bei Säuglingen verursacht ist noch recht neu und noch nicht allgemein empfohlen. Es gibt ihn aber. Der Standard-Impfstoff ist gegen Serogruppe C, was hier eher seltener ist. Der Schutz hält nicht ewig. Mit steigendem Alter sinkt aber auch die Komplikationsrate der Meningitis. Keuchhusten ist nicht bloß ein lästiger Husten. Kleine Babys können dabei ersticken.
Kann man als Elternteil also guten Gewissens dem Nachwuchs einen Schutz gegen diese bedrohlichen Erkrankungen vorenthalten? Wie geht es Eltern, deren Kinder so etwas durchmachen? Wie geht es Eltern, die ihre Kinder durch die Entscheidung nicht zu impfen verlieren? Macht man sich nicht irre Sorgen und Vorwürfe, wenn auf einmal Masern- oder Rota-Fälle in der Nachbarschaft auftreten?

Impf-Weisheit No4: Aufschieben lohnt nicht!

„Wir impfen einfach später“, höre ich relativ häufig. Um den kleinen Körper und das Gemüt zu schonen? Denkste. Je früher gepiekst wird, desto besser kann das traumatische Erlebnis wieder vergessen werden. Je später die Schmerzerfahrung gemacht wird, desto mehr wird darüber nachgedacht. und bleibt in Erinnerung Auch Frühchen sollten nach tatsächlichem Alter und nicht nach korrigiertem Alter geimpft werden. Vor allem, wenn sie Kontakt zu Kindern/ älteren Geschwistern haben und nicht gestillt werden. Jedem ungeimpften Baby droht eine Ansteckung.
Wir haben übrigens ein paar Wochen aufgeschoben. Der Kinderarzt hatte es vorgeschlagen und ich habe es einfach abgenickt, ohne mir der Konsequenz bewusst zu sein. Das hatte aber den Vorteil, dass wir so die meisten Impf-Termine mit den Vorsorge-Untersuchungen kombinieren konnten und nicht häufiger als nötig mit zwei kleinen Frühchen ins Virenlager Kinderarztpraxis mussten.

Impf-Weisheit No5: Die Zusatzstoffe sind halb so wild.

Ich bin keine Chemikerin oder Pharmazeutin. Ehrlich gesagt weiß ich noch nicht einmal, was in den meisten Trägermedien der Impfstoffe laut Beipackzettel alles drin ist. Ich weiß aber, dass im Alltag zig Umwelteinflüsse schlummern, denen ich eine potentiell schädlichere Wirkung zuordne, sie aber trotzdem hin und wieder in Kauf nehmen werde: der radioaktive Flug in den Urlaub, die Raucherfinger der Oma/ der Einkaufswagen/ die Schuhsohle (…) werden abgeschleckt, die Fleischwurst beim Metzger, die gespritzte Mango aus Peru, der Saure Regen im Sandkasten, PET-Flasche… Ich denke jeder kann für sich eine derartige Liste zusammenstellen. Meine Kinder sollen den Geschmack von Mango noch in diesem Winter kennenlernen. Und sie sollen nicht an einer einfach zu vermeidenden Infektion leiden. Nutzen weit vor Schaden. Hier spricht aber wie gesagt mein Bauchgefühl. Über schädliche Rückstände in den Ampullen kann ich nichts fachliches berichten.
Einzig bei Verdacht auf Allergien gegen Hühnereiweiß oder Konservierungsstoffe sollte man vorsichtig sein und aufs Kleingedruckte achten. Oft gibt es dann aber ein alternatives Präparat.

Impfen Saeugling Vorteile

Impf-Weisheit No6: Die STIKO arbeitet unabhängig!

Eine Mutter gestand mir verunsichert zu sein, weil die allgemeinen Impf-Empfehlungen von Leuten gemacht würden, die eng mit der Pharmaindustrie zusammenarbeiten. Die Kommission besteht meines Wissens wirklich aus einem Gemisch im Gesundheitswesen tätiger Menschen (Ärzte, Apotheker, Krankenkassenmitarbeiter…). Lobbyarbeit gibt es im gewissen Umfang überall. Allerdings sind diejenigen, die die Vorschläge erarbeiten, Studien wälzen und sogar in Auftrag geben hauptberuflich quasi vom Staat angestellt. Wichtiger Aspekt, um eine neue Impfung in den Kalender aufzunehmen ist die Wirtschaftlichkeit. Die Einsparung von Krankheitskosten steht gar nicht selten im Vordergrund.

Impf-Weisheit No7: Ärzte können nicht neutral übers Impfen aufklären!

Wer es bis hier geschafft hat zu lesen, wird wohl wissen, dass dies der parteiischste Post ist, den es auf diesem Blog bislang gab. Als Arzt ist man pro oder selten auch contra. Und das lässt man in die Aufklärung miteinfließen. Das sollte man im Hinterkopf haben, wenn man sich beraten lässt. Ich kenne einen Kinderarzt, der EINEN Patient erlebt hat, der eine total seltene Komplikation der Rota-Virus-Impfung bekommen hat (Darminvagination). Seitdem rät er allen Eltern von dieser Impfung ab, weil sie „überflüssig“ wäre. Es geht sogar soweit, dass Eltern, die trotzdem auf die Impfung bestehen, von den Mitarbeiterinnen dafür doof angemacht werden. Das finde ich ekelig. Denn bei zehntausenden von Kindern wurde sie komplikationslos vertragen und schützt sie nun vor einer Erkrankung, die sie statistisch bis zum fünften Lebensjahr mindestens einmal durchmachen würden und an der sie sterben könnten.

Impf-Weisheit No8: Die Entscheidung bleibt weitestgehend pro oder contra.

Damit keine Folter betrieben wird und Babys in den ersten Lebensjahren 100 Mal gepiekst werden müssen, wurden glücklicherweise Kombi-Präparate entwickelt. Weniger Trauma. Weniger Tränen. Aber das bedeutet natürlich auch weniger individueller Entscheidungsspielraum. „Ich möchte keine Impfung gegen Mumps“ wird natürlich ziemlich kompliziert. Aus MMR-V (eine Spritze) werden auf einmal diverse Einzeldosen in verschiedene Muskeln nach komplizierten Schemata. Ich würde mich da als Impfende sogar weigern. Manche Ärzte bieten aber einen anderen Impfplan an. Auch unterscheiden sich die Grundimmunisierungen manchmal von Bundesland zu Bundesland.

Impf-Weisheit No9: Impfen heißt leider nicht nie krank werden.

Auch wenn die Impfung anschlägt, kann es – zwar selten – trotzdem zur Infektion kommen. Der Krankheitsverlauf ist dann aber viel milder und Komplikationen/ Folgen viel unwahrscheinlicher. Wie schon oben geschrieben gibt es in seltenen Fällen komplette Impfversager, bei denen das Immunsystem gar nicht anschlägt. Die profitieren eindeutig von der Herdenimmunität. Auch dein Kind hönnte Impfversager sein! Deshalb war ich zum Beispiel froh, nach der 2. Dosis Glühwürmchen zu Hause zu haben. Es zeigte mir, dass der Körper arbeitet…

Impf-Weisheit No10: Meine persönlichen Erfahrungen als Mama

In allen obigen Weisheiten hat hauptsächlich die Ärztin in mir gesprochen. Wie sehe ich es nun als Mutter?
Jede Impfung meiner Kinder hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Einem gesunden, putzmunteren Baby wird Schmerz zugefügt. Mir wird Empathie-Schmerz zugefügt. Trotzdem muss es sein. Ich würde es mir einfach nie verzeihen, wenn meine Entscheidung gegen die Impfung zur Folge hätte, dass eine der Erkrankungen durchlebt werden muss. Schlimmeres, also Folgeschäden, mag ich mir gar nicht ausmalen. Deshalb werden wir auch gegen Meningokokken impfen lassen, obwohl ich nicht komplett vom Nutzen des Impfstoffs mit dem selteneren Serotyp überzeugt bin. Da ich aber schon Menigokokken-Fälle mitbekommen habe und mögliche Komplikationen kenne, bin ich einfach nur dankbar, dass es einen geringfügigen Schutz gibt.
Ich habe mich aber auch schon bewusst gegen eine Impfung entschieden. Gegen die RSV-Prophylaxe, die vom Kinderarzt empfohlen wurde, aber nicht allgemeine STIKO-Empfehlung ist. Nach gründlichem Schmökern in aktuellen Leitlinien habe ich für unsere Situation beschlossen, dass ich das Risiko auf mich/ uns nehmen kann. Aber nicht weil ich den Impfstoff für fragwürdig halte, sondern weil ich meinen Kindern die zusätzlichen Spritzen und uns bzw. der Krankenkasse die Kosten ersparen wollte. Restangst bei jeder Erkältung, falsch entschieden zu haben, bleibt. Schwer – diese Verantwortung. Ich kann absolut verstehen, wenn Eltern diese ganzen Gesundheits-Entscheidungen für ihre Kinder und die damit verbundene Verantwortung schwerfallen. Man möchte nur das Beste. Ich bin froh, durch meine Ausbildung da einen gewissen Bonus-Durchblick zu haben. Das erleichtert es mir und meinem Mann, der mir in diesen Entscheidungen vertraut.

So, das war nun eine kleine Ode ans Impfen. Vielen Dank für die spannenden Fragen vorab. Teilweise konnte ich sie ja auch nur mit Bauchgefühl beantworten…


Ps.: Dieser Post ist absolut nicht subjektiv und ich kann für viele meiner Statements auch gerade keine wissenschaftliche Quelle angeben, weil die Zeit zum Heraussuchen fehlt. Über Fragen/ eine Diskussion freue ich mich natürlich – wie immer – trotzdem.  Bitte aber bei diesem heiklen, spaltenden Thema die Gürtellinie beachten. 😉

Weitere Artikel zur Kindergesundheit:
Wann zum Kinderarzt? | Reiseapotheke für Babys & Kleinkinder | Hausapotheke Teil 1

10 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.