Gesundheit, Kinderwunsch
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Überstimulationsyndrom (OHSS)


„Frollein Doctor, ich muss Sie vorwarnen, dass wir bei Ihnen vielleicht keinen Transfer machen können, wenn Sie zu doll überstimulieren“, sagte der andere Doktor in der Kinderwunsch-Klinik.
Schon allein bei dem Gedanken fing es an in meinen Ohren zu rauschen. So kurz vor dem Ziel doch wieder ein Fels im Weg?
Ich wusste, komme was wolle, ich durfte dieses blöde Syndrom keinesfalls bekommen. Nur wie stelle ich das an? Kann ich etwas tun, um es zu verhindern? Wieso würde es eigentlich einen Transfer behindern? Was passiert, wenn der Transfer trotzdem stattfindet? Ich wollte bestmöglich vorbereitet in den Kampf um meine Embryonen ziehen. Deshalb machte ich mich an die Recherche.
Auf schlau gibt es eigentlich gar keine „Überstimulation“. Da redet man von einem „ovariellen Hyperstimulationssyndrom“, kurz OHSS.  Der Schwergrade wird anhand von Symptomen bestimmt (also durfte ich diese einfach nicht bekommen!). Eine Prognose, ob es eintritt, lässt sich allerdings schon durch den Estradiol-Wert im Blut vor dem Auslösen treffen (> 3.000 pg/ml).
Zunächst erfuhr ich, dass in 1/3 aller Fälle eine milde Form des Syndroms nach einer Stimulationsbehandlung auftritt. Das finde ich auch ziemlich plausibel. Schließlich macht es nun mal Beschwerden, wenn man statt 1-2 Follikel und später Gelbkörper auf einmal 20 davon hat. Wer hat bitte kein Spannungsgefühl und etwas Übelkeit oder musste sich auch einmalig übergeben? Diese Form bedarf übrigens keiner Therapie.
Die mäßige Form tritt ein, sobald sich freie Flüssigkeit im Bauchraum befindet. Das kann man am einfachsten durch eine Ultraschall-Untersuchung feststellen.
Die schwere Form, die weshalb die Kinderwunsch-Klinik lieber vorsichtig ist und sich sorgt, tritt nur in 0,5-5% aller IVF-Fälle ein und kann aber schnell lebensbedrohlich werden. Sie muss also im Krankenhaus behandelt werden. Dabei kann es zu stärksten Wassereinlagerungen im ganzen Körper, Blutgerinngungsstörungen und Thrombosen kommen, was dann letztendlich zu Embolien und Multiorganversagen führen kann. 
Warnsignale: erschwertes Wasserlassen, massives Spannungsefühl, Luftnot, Veränderungen im Labor
So richtig klar, wieso es zu all dem kommt, ist nicht. Es hat vor allem was damit zu tun, dass sich Zellflüssigkeiten verschiebt und das verschiedene Prozesse nach sich zieht.
Wieder spannend für mich wurde es bei den Risikofaktoren: Warum bin ich nun also Kandidatin? Wie kann ich mein Risiko reduzieren?
Bei 63% der Fälle, wo ein schwerem OHSS dokumentiert wurde, sollen laut Wikipedia polyzystische Ovarien vorliegen. Außerdem gibt es ein Zusammenhang mit dem Estradiol-Spiegel (sehr hoch, schnell ansteigend) und der Follikelanzahl. Es wird auch vermutet, dass sehr schlanke Personen (BMI < 20 kg/m²) vermehrt betroffen sind. Dass es bei Agonisten-Hemmstoffen ein höheres Risiko gibt, habe ich ja hier schon einmal geschrieben.
HCG, das Schwangerschaftshormon soll die Symptome noch ordentlich triggern. Das bedeutet, dass die HCG-Auslösespritze (Ovitrelle) bzw. die hoffentlich eintretende Schwangerschaft ihr Übriges tun. Deshalb wird dann in den Hochrisikofällen auf einen anderen Auslöser zurückgegriffen, der allerdings einen direkten Transfer gar nicht mehr möglich macht, und kryokonserviert.

29 statt 42 Prozent Schwangerschaft
In meinem Fall kann ich an fast alle der Risikofaktoren ein [Check] schreiben.
In meiner Altersgruppe würde sich aber laut IVF-Register bei dem Kryo-Transfer statt „frisch“ nach ICSI/ IVF von zwei optimalen Embryonen die Chance auf eine Schwangerschaft um 13% verringern. Aus diesem Grund bin ich echt gewillt, eine milde/mäßige Form des OHSS in Kauf zu nehmen und tue alles, um die schwere Form zu verhindern. Leider gibt es aber keine richtigen prophylaktischen Maßnahmen, wenn erstmal ein Antagonist und HCG im Spiel sind.
Alles was ich gefunden habe zur Unterstützung und zum Monitoring von zu Hause aus, woran ich mich nun auch streng halte, ist folgendes:
1.    Tägliche Gewichtskontrolle (zeigt Wassereinlagerungen sehr sensibel an)

2.    3-4 Liter trinken, im Notfall zusätzllich Infusionen (gegen die Blutverdickung, gut für die Niere)

3.    Eiweiß-Haushalt im Auge behalten: Milchprodukte, Fleisch (Eiweiß-Shakes aus Drogerie und Apotheke erscheinen mir als Prophylaxe zunächst übertrieben)

4.    Viel Ruhe/ Entspannung/ Füße hoch (Krankschreibung!!!)

5.    eher Kühlkissen statt Wärmflasche (Wärme soll Trigger für OHSS sein?!)

6.    spätestens bei Gewichtszunahme, Problemen beim Wasserlassen: prophylaktische Blutverdünnung (niedermolekulares Heparin, z.B. Clexane)
Übrigens habe ich auch noch etwas zum sogenannten „Coasting“ gelesen. Um den Transfer bei Risikopatientinnen doch noch zu ermöglichen, wird vor Punktion die Stimulation für einige Tage ausgesetzt bei fortlaufender Hemmung, bis der Estradiol-Wert fällt. Es scheint aber nicht so weit verbreitet zu sein. Wie oft und wie erfolgreich es angewandt wird, konnte ich nicht herausfinden.
Drückt mir bitte mal ganz doll die Daumen, dass ich vor allem meinen Körper, aber auch die Kinderwunschklinik überzeugen kann, dass es meinen Eierstöcken gut geht!
Wie es mir letztendlich ergangen ist, werde ich natürlich irgendwann nachtragen können.
Mir ist auch klar, dass sich viele Betroffene von Anfang an anders/ vorsichtiger entscheiden würden oder auch schon entschieden haben und hinterher trotzdem alles gut geworden ist. In unserem Fall halten wir aus diversen Gründen, auf die ich vielleicht später auch noch mal etwas eingehen werde, dies nun für den sinnvollsten Weg.

Ps.: Hat jemand Erfahrungen mit dem OHSS? Immer her mit weiteren Tipps!

0 Kommentare

  1. Da merkt man halt, dass ein Körper keine Maschine ist – man kann zwar Knöpfe drücken, aber welche Menge wie viel Reaktion auslöst, hängt von zu vielen Faktoren ab, um exakt vorhersagbar zu sein.
    Meine Daumen hast du auf jeden Fall.

  2. Bei Kryo's sinkt die Erfolgsrate? Wie ich gehört habe gibt es mittlerweile sogar Kliniken (eine wohl in München) die nur noch mit Kryo's arbeiten. Diese Kliniken verfechten die Meinung, dass wenn die Kryo's das Auftauen erstmal überstanden haben sie irgendwie "zäher" seien. Aber ich bin nicht vom Fach, ich habe das nur gehört.

    Was ich aber sicher sagen kann: Jede meiner zwei Schwangerschaften entstand durch einen Kryo-Versuch.

    Mit dem OHSS habe ich (zum Glück) keine Erfahrung. Davon bin ich glücklicherweise verschont geblieben.

    Ich drücke dir jedenfalls gaaaaaanz fest die Daumen!!

    LG

  3. Das mit den Wahrscheinlichkeiten ist so eine Sache. Ich beziehe mich da bloß auf die rohen Daten des IVF-Registers. Die Realität ist ja von so vielen anderen Faktoren, wie z.B. die Qualität der übrig gebliebenen Eizellen ab. Eigentlich sollte man den Zahlen nicht so viel Bedeutung beimessen. Allerdings ist das dann wiederum das einzige, an was man sich irgendwie klammern kann.
    Ich habe aber auch schon von diesem Kryo-Ansatz oder FET (Frozen Embyo-Transfer) gelesen. In den USA machen die das mittlerweile auch teilweise regelhaft, weil sie vorher Polkörper-Diagnostik betreiben.
    Wie dem auch sei, es tat gut, nochmal erinnert zu werden, dass das alles kein Weltuntergang wäre. ABER es ist dann glücklicherweise alles gut gelaufen und jetzt heißt es einfach nur warten 😉

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