Meine Still-Erfahrungen (Zwillinge, Frühgeburt), Stillen
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Ein Stilldrama: Akt 1 – Der Start auf der Neonatologie.

Meine Stillgeschichte begann mit einer mehr als bescheidenen Ausgangslage: Frühgeburt. Kaiserschnitt. Zwillinge. Kinder im Inkubator.

Eigentlich ging sie jedoch schon in der Schwangerschaft los: „Und, wirst du stillen?“, wurde ich sehr häufig gefragt. Oft sogar von Menschen, bei denen ich diese Frage auf Grund unseres nicht sehr engen Verhältnisses als Indiskretion empfand. Meine Antwort war immer oberflächlich: „Ich werde es versuchen, aber darauf versteifen sollte ich mich bei Zwillingen wohl besser nicht“. Hinter dieser Aussage stand ich auch. Stehe ich noch immer.

Eigentlich bin ich ein ziemlicher Kopfmensch, der gerne Ratgeber und Studien wälzt. Bei dem Thema Stillen war ich erstaunlicherweise eher locker. Vor allem eben fürs Stillen hatte ich mir doch eine Nachsorgehebamme gesucht. Und eine sehr stillfreundliche Entbindungsklinik gewählt. Da sollte ich schon Unterstützung bekommen. Einzig über diesen Artikel bin ich gestolpert und fand ihn so eindrucksvoll, dass sogar mein Mann ihn lesen musste. Und ich war bei einem Vortrag, bei dem die nette, höchst kompetente Stillberaterin auch auf Zwillings-Besonderheiten einging.
Im Nachhinein hätte ich ein paar Hintergründe und Theorien lieber schon vor der Geburt gewusst: die Phasen der Milchbildung zum Beispiel oder das Angebots-Nachfrage-Prinzip.
Auf der Homepage  „Still-Lexikon“habe ich einige gute relativ objektive wissenschaftlich angehauchte Artikel gefunden.  Das Stillbuch * von Hannah Lothrop ist der absolute Klassiker auf Papier, allerdings ziemlich subjektiv und ein bisschen alternativ.
Subjektiv ist allerdings der ganze Stillprozess. Die nächste wichtige Erkenntnis! Das war etwas, was ich als kleine Wissenschaftlerin im Lauf der Zeit begreifen musste. Fakten und feste Regeln gibt es wenige. Auch wenn manche es gerne anderes behaupten. Alles ist individuell. Learning by doing. Das Bauchgefühl ist der wichtigste Mentor. Das gehört nun aber nicht an diese Stelle.
Ich wollte ja eigentlich von der Zeit im Krankenhaus erzählen. Der Stillstart war allein MIR vorbehalten. Mir und meiner Freundin, der Milchpumpe (siehe Akt zwei).
Die Früchtchen waren in ihren warmen Kästen, waren früher als von der Natur geplant auf der Welt angekommen und mussten schnell mit Nährstoffen versorgt werden, um zu überleben. Und natürlich um zu wachsen.
Theoretisch gib es diverse Wege zur Nährstoffversorgung von Frühgeborenen, je nach Verfassung und Reife: künstliche Ernährung über die Vene, Sondierung in den Magen, Flasche oder diverse stillfreundliche alternative Fütterungsmethoden (z.B. Becher, Finger-Feeder), bis ein Anlegen außerhalb des Inkubators möglich ist. Ich habe mittlerweile sogar herausgefunden, dass es eine Abwandlung des brustnachempfundenen Calma-Saugers von Medela, den sogenannten Calmita, auch für den Klinikbedarf gibt. Somit kann natürliches Trinkverhalten relativ einfach im Krankenhaus gelernt werden!
Die von uns gewählte Klinik zeichnete sich nicht durch Stillfreundlichkeit aus. Das war mir gottseidank schon vor der Geburt klar. Dass in „unserer“ Klinik die Flasche so bald wie möglich zum Einsatz kommen würde, war mir klar.
Uns war es sehr wichtig, dass wir nicht in den Augen der Pfleger die nervigen Eltern wurden, die alles besser wussten. Auf Grund meines Berufes hatte ich zwangsläufig schon ein großes Schild umhängen. Aber schließlich musste ich meine Kinder zwei Wochen immer wieder in die Obhut des Pflegeteams geben. Da war es mir lieber, wenn alle mit gutem oder zumindest neutralem Bauchgefühl bei der Sache waren. Professionalität hin oder her. So habe ich immer mal wieder etwas runtergeschluckt, was ich lieber anders gehabt hätte.
Auf der Intensivstation hatten wir ziemlich schnell eine Lieblingspflegerin. Diese sorgte zum Beispiel dafür, dass beide das von mir mühsam gewonnene Kolostrum beim Kängeruhen sondiert und ein paar Tropfen für den Geschmack in die Münder bekamen.


Unsere Früchtchen waren ziemlich grandiose Kämpfer, sodass sie in Rekordzeit im gemeinsamen Wärmebett landeten und somit auf die Früchenstation umziehen konnten, wo alles etwas ruhiger ablief und die Eltern mehr mitarbeiten konnten und mussten.
Hier machte ich mir Hoffnungen fürs Stillen. Ich geriet auch direkt an eine der wenigen Schwestern, die das dort befürworteten. Sie half mir beim Anlegen. Ein unbeschreibliches Gefühl. In diesem Moment leider alles andere als intim, aber das war mir total egal. Die Münder waren jedoch beide noch zu klein, als dass sie genug zu fassen bekommen hätten. Somit waren die Bemühungen meiner Minis ineffektiv. Sie schlug vor, ich sollte es am Folgetag mit Stillhütchen versuchen.
Da war eine andere Schwester zuständig. Diese erklärte mir, ich würde mit den Stillversuchen meine Kinder überfordern und die auf der Station vorhandenen Stillhütchen sollte ich bitte den Müttern überlassen, die sie wirklich benötigen. Wenn man keine Hohlwarzen hätte, würden sie sowieso nichts nützen… Das war natürlich völliger Unsinn. Ich blieb jedoch cool, aus oben genannten Gründen.
Von da an war uns aber klar, dass eine vernünftige Stillbeziehung zu Hause von Null an aufgebaut werden müsste. Also sollten die Früchtchen so schnell wie möglich fit für die Entlassung sein. (Und natürlich, weil sie zu Hause so doll fehlten). Wir trainierten sie hart an der Flasche und waren tagsüber fast immer im Einsatz. Vor allem ich. Das war frisch operiert mit zwei zu versorgenden Kindern alles andere als leicht. Aber schon da fing ich an mit meinen Aufgaben als Zwillingsmutter zu wachsen.
Der Sohn war ein hartnäckiger, talentierter Flaschensüppler. Schneller als wir gucken konnten, war er ohne Sonde. Ich habe Freudentränen vergossen, so stolz war ich auf ihn! Die Tochter war zunächst ziemlich schlapp und schläfrig (leichte Neugeborenengelbsucht), sie tat sich schwerer mit dem Trinken. Ich habe dann darum gebeten, dass sie während sie Milch über die Sonde bekam, immer angelegt wird, wenn ich vor Ort war. Somit wurde zumindest ein Zusammenhang zwischen vollem Magen und Stillposition hergestellt.
Immer wenn es gerade gut lief, wurde die Trinkmenge hochgesetzt, auch wenn sie die Portionen nur gerade ebenso mit viel Geduld unsererseits schafften. Wir kamen uns vor wie in einem Babymastbetrieb. Hunger- oder Sättigungsgefühl? Fehlanzeige. Aber sie sollten ja wachsen. Aufholen.
Auf der Frühgeborenenstation passiert immer alles innerhalb fester Versorgungszeiten. Dann wird gewickelt, gefüttert und gegebenenfalls ärztlich untersucht. Das ist schon richtig so. Der Schlaf ist für Frühchen extrem wichtig. Und wie sonst soll die Versorgung ohne eine personelle 1:1-Betreuung anderweitig gewährleistet werden, ohne dass Chaos ausbricht? Trotzdem blutete mein Herz, als wir uns einmal vertan haben und zur falschen Zeit frisch gewickelte, hungrig-aufmerksame Früchtchen auf dem Schoss liegen hatten und die zuständige Schwester uns die Flaschen nicht geben wollte.
Kurz vor Entlassung wurden die Kinder von einem Drei- auf einen Vier-Stunden-Rhythmus umgestellt. Alle VIER Stunden Wickeln und Trinken! Bei einem Neugeborenen?! Das war eins der wenigen Male, dass ich protestierte. Niemals würden sie sich mit einer solchen Menge an der Brust satttrinken können geschweige denn meine Milchbildung weiter ankurbeln. „Anders verlässt hier kein Kind die Station. Und freuen Sie sich über den Schlaf, den wir Ihnen damit schenken“, bekam ich zur Antwort. Das saß natürlich. Meine Kinder sollten ja schnellstmöglich heim. Zu mir. Einerseits war der Vier-Stunden-Rhythmus bei meinen ersten Stillversuchen zu Hause wirklich eins der vielen Handicaps, andererseits versorgte ich die Früchtchen tagsüber unter der Woche alleine und hätte bei deren damaliger Trinkgeschwindigkeit auch einfach nicht mehr leisten können.
Obwohl die Pflegerinnen mir es auch anders empfahlen, hielt ich so gut es der Krankenhausalltag zu ließ, den dreistündigen Pumprhythmus bei. Wobei wir zu Akt 2 kommen, der Geschichte von meiner neuen Freundin und mir.

Prolog  |

Akt 2: Die Milchpumpe | Akt3: Frühchen Stillen. Zwillinge Stillen.  | Akt 4: Komplikationen | Akt 5: Equipment | Epilog
Mehrlinge Abstillen
Rezept für Milchbildungskekse
Erfahrungsberichte anderer stillender (Zwillings-) Mamas

 

Hier geht es zu meinen gebündelten Survival-Tipps auf dem Medela-Blog.

Ps.: Auch wenn es sich vielleicht stellenweise so liest – dies soll keinesfalls Kritik am Krankenhauspersonal sein. Es wurde sich liebevoll und sehr gut um unsere Früchtchen gekümmert. Wir waren damit absolut zufrieden und sind dankbar, dass unsere Kinder in ihren ersten Lebenstagen die Unterstützung hatten, die sie brauchten.  Dennoch ist es eine harte Herausforderung, seine Kinder aus dem Bauch in die Hände anderer Menschen zu geben und diese eben gewisse Entscheidungen treffen zu lassen…

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