Meine Still-Erfahrungen (Zwillinge, Frühgeburt), Stillen
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Ein Stilldrama: Akt 3 Frühchen stillen. Zwillinge stillen.

Knapp einen Monat vor dem errechneten Geburtstermin durften die Früchtchen nach Hause. Als Vier-Stunden-Flaschenkinder mit abgepumpter Muttermilch.  Erst ließen wir sie natürlich in Ruhe ankommen. Dann wurde der Ring für den Stillkampf eröffnet.
Ein erstes Anlegen erfolgte mit der Hebamme. Beide Früchtchen zeigten sich komplett desinteressiert. Die Münder waren zu klein, um genügend Gewebe zu fassen. Somit probierten wir ein in abgepumpte Milch getränktes Stillhütchen aus. ACHTUNG: hier empfehle ich, sich die korrekte Platzierung ein paar Mal zeigen zu lassen. Ich habe es einige Zeit ungünstig aufgesetzt. Außerdem spielt die passende Größe eine wichtige Rolle. Das klappte schon besser. Es tat allerdings so weh! Stillen tut in den ersten Wochen immer richtig weh.

Angeblich sind Frauen mit heller Haut und rötlichen Haaren besonders empfindlich. Nach einiger Zeit gewöhnen sich die empfindlichen Körperteile an die neue Belastung. Bis dahin (bei mir mindestens zwei Monate) musste ich jedes Mal am Anfang meine Zehen komisch verrenken, um so den Schmerz auszuleiten. Ich hatte Bedenken, den kleinen Köpfen in meinen Händen weh zu tun, war aber immer erstaunlich beherrscht.

So stillten wir nun versuchsweise tagsüber vor der Flaschenmahlzeit einige Minuten, wenn die Kinder wach genug waren. Es war ein kleines Kunststück den Moment richtig abzupassen, an dem die Energie für die eigentliche Mahlzeit zu wenig wurde. Sie haben für ihre Flaschen damals noch ewig gebraucht. Wenn beide Kinder versorgt waren, musste ich pumpen. Alles war eine ganz schöne Sauerei. Überall waren fettige Milchflecken. Und dann ging es wieder von vorne los.
Nach ungefähr zwei Wochen schafften beide gut 15 Minuten an der Brust, verdrückten jedoch hinterher noch ganze Flaschenmahlzeiten und ich pumpte mehr als vorher. Das kam mir komisch vor. Eine Still-Probe mit der Hebamme bestätigte: da lief so gut wie nichts! Ich war sehr deprimiert. Meine Wochenbetttage bestanden aus nichts anderem als Berge zu sterilisieren, Kinder zu wickeln, stillen und füttern, zu pumpen und nebenbei noch selbst genügend zu essen und zu trinken. Da die Hebamme auch keine Idee mehr hatte, woran es liegen konnte, brachte sie mich mit einer Stillberaterin zusammen. Das Ergebnis vom Gespräch war, dass ich wieder Motivation hatte (sehr wichtig!) und ein Brusternährungsset ausprobieren sollte. Das war für mich als frisch operierte Wöchnerin, die Zwillinge tagsüber allein versorgte, genauso wie die Anwendung des Fingerfeeders, nicht mehr richtig umsetzbar. Aus einer Intuition heraus (den entsprechenden Hinweis hatte ich übrigens beiläufig von einer Frühchen-Zwillingsmutter auf Instagram erhalten!) legte ich mir ein größeres Stillhütchen zu. Trotz der kleinen Münder. Für die schwerere Tochter war das der Durchbruch. Der kleinere Sohn konnte es anatomisch nicht fassen.
Mit der Tochter wurde nun Stillproben veranstaltet in einer Konstruktion aus Küchenwaage und Auflaufform. Sie bekam abhängig von den Zahlen auf der Waage in der Flasche hinterher eine angepasste Menge. Dann wurden die Flaschen ganz langsam nacheinander abgebaut. Das gewohnte absolute Milchkoma musste mit sehr viel Geduld abtrainiert werden. Es dauerte ein paar Tage und sie begriff, dass sie sich statt sechsmal auch achtmal mit einer geringeren Portion sattessen konnte.
Als die Tochter es schaffte, ohne Hütchen zu saugen, wurde der Sohn endlich zum effektiven Hütchenstiller. Auch bei ihm stand wieder das gleiche Programm an.
Das Abpumpen war irgendwann nicht mehr in meinen Alltag zu integrieren. Ständig war ich gerade leergepumpt, wenn schon wieder jemand hungrig war. Ich tat mich schwer damit weniger Dates mit meiner Freundin zu haben. Ich hatte Angst vor Milchstau oder Milchmengenrückgang. Aber ich wagte es schließlich und pumpte nur noch zwei Mal in der Nacht.
Nun musste noch diese reine Bequemlichkeit abgeschafft werden. Erst war wieder die Tochter an der Reihe. Sie bekam am Abend und in der Nacht beide Seiten angeboten, war aber genau wie tagsüber meistens mit einer Seite zufrieden.

Parallel dazu fing ich aus der Not heraus an beide Kinder gleichzeitig zu stillen. Da hatte ich ziemlichen Respekt vor. Es tat doch schon ein Kind so weh! Und dann waren es sehr unsichere Trinker, für die ich oft zwei Hände brauchte. Doch wenn dich beide Kinder unerwartet gleichzeitig hungrig anschreien, springst du über deinen Mama-Schatten. Es klappte besser als erwartet. Bei mir liefen die Freudentränen als die Tochter schließlich nach der Hand des Sohnes griff und dieser sich als schwächerer Trinker vor lauter Milchfluss im Schlaraffenland verschluckte. Von da an war das unser gemeinsames Ding. Ich wurde routinierter beim Anlegen, hatte weniger Angst, dass ein Früchtchen von der Kissenburg fallen oder bei mir etwas kaputt machen könnte. Einzig auf das Stillhütchen des Sohnes wollte ich nicht verzichten. Das war mir sicherer. Für mich und meinen Körper. Zwillingsschicksal. (Anmerkung: laut einer Studie wird dabei die Milchmenge um 22% reduziert, ist also nicht wirklich zum Nachmachen zu empfehlen!) Letztendlich hat der Sohn aber aktuell, mit vier Monaten, selbst entschieden, dass er es nicht mehr möchte. Muss die Mutti durch. Seitdem ist er viel zufriedener und nimmt endlich besser zu.
Irgendwann wurde die Pumpe ausgestöpselt. Für eine kurze Zeit stillte ich nachts solo bei Bedarf. Wir erkannten aber, dass wir alle zufriedener sind, wenn sowohl tags als auch nachts beide gleichzeitig gestillt werden, sobald sich der erste meldet. Muss der zweite Zwilling durch.
Die Tochter wird seitdem sie ungefähr 3 kg wiegt voll gestillt. Der Sohn hat ja einiges aufzuholen und tat sich mit der Gewichtszunahme zeitweise etwas schwerer, deshalb bekommt er zusätzlich ein bis zwei kleinere Portionen Pre-Nahrung täglich. Ob das irgendeinen Effekt hat, wissen wir natürlich nicht…
Wir stillen in Football-Haltung. Das habe ich neben dem Wiegengriff von Anfang an mit beiden Kindern geübt. Einige Wochen hatte jedes Kind beim Tandem-Stillen seine eigene Brust. Ich empfehle jedoch von vorne herein immer wieder mehrmals täglich die Seiten zu tauschen, um Kopffehlstellungen vorzubeugen. Dadurch, dass ich unterschiedlich starke Trinker hatte, kam es bei tagesweisem Tausch zu Milchstaus.
Jedes Kind muss sich hier pro Mahlzeit an einer Brust satttrinken. Zu anfangs dauerte diese somit bis zu 40 Minuten, momentan steuern wir auf die 20 Minuten zu bzw. ist der Sohn manchmal ein Blitztrinker und in weniger als 10 Minuten fertig. Sättigungsgefühle kennen die Früchtchen eher selten. Ich stille eher nach Bauchgefühl und Uhr.
Auch stille ich nicht 100%-ig nach Bedarf, wie es den aktuellen Empfehlungen entsprechen würde. Es gibt acht plus/minus eine Mahlzeiten pro Tag. Zunächst hatten wir einen drei Stunden Rhythmus. Bei längeren Nachtschlafperioden sind wir mittlerweile tagsüber eher bei einem zwei-Stunden-Rhyhthmus, um weiterhin auf acht Mahlzeiten zu kommen. Das ist natürlich für mein Schlafkonto ganz gut. Leider hätte ich nachts aber eindeutig mehr Milch im Angebot, wahrscheinlich durch Hormone und die nötige Ruhe.

Wenn man sich den bisherigen Text durchliest, könnte man meinen, es sei alles bestens verlaufen. Zwar viel Rumgedoktor, aber eben glatt. So war es ganz und gar nicht. Ich habe bewusst nur den Fortschritt zusammengetragen. Unzählige Rückschritte und Schreianfälle der Kinder, Nervenzusammenbrüche, Tränen und Schmerzen meinerseits habe ich ausgeklammert. Dafür gibt es noch den vierten Akt: Komplikationen.
Es sei nur so viel gesagt – nach jedem Schritt in die richtige Richtung folgten mindestens zwei Schritte zurück. Ich musste eine wahnsinnige Geduld aufbringen. So oft wollte ich aufgeben. Aber von irgendwoher kam immer wieder ein bisschen Hoffnung und Kraft, es noch eine weitere Woche zu versuchen.
Mittlerweile kann ich vergleichen, wie es ist ein unreifes 2-Kilo-Kind und ein gereiftes 4-Kilo-Kind an der Brust zu haben. Es macht einfach einen gigantischen Unterschied!
Und auch wenn meine super tapferen, talentierten Früchtchen nun stillen können, ist leider immer noch nicht alles gut. Zwei Kinder satt zu kriegen laugt mich aus. Der schwierige Start hat wohl nicht die optimalen Voraussetzungen für die täglich doppelte Milchproduktion geschaffen. Aber dazu auch mehr im nächsten Akt…

Hier geht es zum Prolog.

Hier geht es zu Akt 2: Die Milchpumpe und ich.

Hier geht es zu Akt 4: Komplikationen.
Hier geht es zu Akt 5: Equipment (+Verlosung!)


Hier geht es zu meinen gebündelten Survival-Tipps auf dem Medela-Blog.

P.s.: Ich weiß, dass das hier eine sehr detaillierte, langatmige Beschreibung ist. Ich hätte mich auch viel kürzer fassen können. Allerdings habe ich versucht, auf alle Fragen, die sich mir zwischendurch gestellt haben, meine Erahrungs-Antwort zu geben. Ich hoffe, es hilft anderen Mamas in ähnlichen Situationen…

3 Kommentare

  1. Meine Güte musst du ein Durchhaltevermögen haben! Ich hab die Freundschaft zur Pumpe nach etwa 3Wochen gekündigt, da ich es unendlich Kräfte zehrend empfand. Am Wochenende wenn mein Mann zuhause war, ging es noch. Aber alleine zuhause war das mehr als ein 24/7 Job: füttern, abpumpen, wickeln, beruhigen und bespaßen. Nebenbei immer wieder erst versuchen das Kind anzulegen, damit es von der Flasche wegkommt, denn das konnte so für mich kein Dauerzustand werden. Und ich hatte deutlich bessere Startvoraussetzungen mit nur einem spontan, termingerecht geborenen Kind. Also alle Achtung vor deiner unglaublichen Leistung und deinem Willen!

  2. Liebe Kerstin,
    danke für deinen lieben Kommentar! Auch drei Wochen sind drei Wochen Muttermilch! Und in Pumpenzeitrechnung ist das auch schon eine lange, harte Zeit. Ich habe in der Pump-Zeit auch am häufigsten über das Aufgeben nachgedacht, nach vier Wochen gab es gottseidank erste kleine Stillerfolge, sodass ich das Rezept wieder motiviert verlängert habe – sonst hätte ich sie bestimmt auch abgegeben. Und dabei gibt es Mütter, die pumpen Monate – sogar Jahre für ihr Kind!
    Liebe Grüße

  3. Deine Schwangerschaft ist ja nun schon eine Weile her.. Aber wenn Du das nächste Mal Zwillinge erwartest, würde ich Dir ein Zwillingsstillkissen ans Herz legen. Den Stillvorgang an sich wird das Kissen zwar nicht beeinflussen, aber es macht ihn meiner Meinung für alle Beteiligten schon deutlich komfortabler.. LG, Andree

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