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Langzeitstillen Erfahrungsbericht: Mein Kind entscheidet!

Bestimmt seid ihr schon mal über den Familienblog Rubbelbatz oder das informative Onlinemagazin Mutterinstinkte.de gestolpert, oder?
Ich schätze Hanna, die Verfasserin, sehr dafür, wie sie Vereinbarkeit auslegt. Die ganze Familie scheint einfach „ihr Ding“ zu machen, wirkt dabei überaus charmant und aufrichtig.
Ich freue mich, ihre Stillgeschichte nun auch in die große Milch & Mehr Sammlung aufnehmen zu können. Streng genommen erzählt Hanna 1,5 Stillgeschichten. Ihr zweiter Sohn ist nämlich gerade ein Jahr alt und wird noch gestillt.
In ihrem Leben hat Hanna bislang viele wichtige Entscheidungen mit Bauchgefühl getroffen, auch wenn dabei schon mal der ein oder andere Ursprungsplan gekippt wurde.
Auch beim Stillen vertraute sie – nach anfänglicher Verunsicherung – ihrem Instinkt.
Ihren Vorsatz „Mein Kind darf entscheiden, wann, wie viel und wie lang es trinken möchte!“, kippte sie doch noch im letzten Moment aus voller Überzeugung selbst. Ihre Gründe könnt ihr nun nachlesen. Außerdem: warum sie deshalb manchmal doch ein paar Gewissensbisse hat. Hiermit gebe ich das Wort also ab!



Ich bin Hanna (*1985) und Mama von zwei Kindern (2015, 2019). Beide habe ich spontan zur Welt gebracht – den ersten im Krankenhaus, den zweiten zu Hause. Seit 2016 arbeite ich selbständig von zu Hause aus. Auf Mutterinstinkte.de schreibe ich über Familien- und Frauenthemen.

Langzeitstillen Erfahrungen

Stillen ist ein heikles Thema

Meine Mama hat vier Kinder ohne Probleme gestillt. Als mein jüngster Bruder zur Welt kam, war ich 6 Jahre alt, als er abgestillt wurde 9 Jahre. Ich hatte also schon früh ein Vorbild für das Stillen und eben auch für das Langzeitstillen. Es wurde mir vorgelebt.
In der Schwangerschaft habe ich viel gelesen und recherchiert. Es war für mich schnell klar, dass ich stillen möchte, aus verschiedenen Gründen. Nicht zuletzt, weil mir alles andere furchtbar kompliziert erschien.
Zum ersten Mal machte ich mir auch Gedanken über die Stilldauer und fand schnell heraus, dass dieses Thema sowie das Stillen allgemein unglaublich heikel sind.
Stillen ist das Beste für ein Baby, das ist den meisten klar. Aber es bleibt nur gesellschaftlich akzeptiert, solange es „normal“ ist. Was ist jedoch „normal“?!

Ein älteres Kind zu stillen, kann ziemlich anecken. Was für ein Minenfeld. Zum Glück mache ich mir nicht viel aus der Meinung der anderen, umso mehr dagegen aus dem Wohlbefinden aller Familienmitglieder. Ich ließ das Stillen letztendlich auf mich zukommen und wollte so lange stillen, wie es für mein Baby gut ist. Auch, wenn das fünf Jahre sein sollten!

Der Stillstart mit meinem ersten Sohn

Die Geburt meines ersten Kindes war anstrengender und komplizierter als erwartet. Das erste Mal Anlegen und Stillen war dagegen umso unkomplizierter. Mein Sohn wurde mir auf den Bauch gelegt und fing sehr unmittelbar an, nach der Brust zu suchen. Die Hebamme riet mir, mich zur Seite zu drehen und ihn anzulegen. Das tat ich und er saugte. Ende der Geschichte.

Von da an trank er fast ununterbrochen. Manchmal machte er 15 Minuten Pause. Die Krankenschwester, die sicherstellen sollte, dass er bis zum Milcheinschuss alle 3 Stunden angelegt wird, hörte bald auf zu fragen. Stillen und Milchbildung schienen für mich also kein Problem.

Hebammen verunsicherten

Dann kamen die Wochenbettzeit und die Nachsorgehebammen. Wegen Urlaubsvertretungen hatte ich insgesamt drei.
Die erste erklärte mir, ständiges Trinken sei nicht gut für den Magen meines Babys. Ich solle versuchen, dass er Pausen macht.
Die zweite kam und schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie mich sah. Ich war blass und schwach, hatte viel Blut verloren und meine Kraftreserven waren aufgebraucht. Das Stillen würde mich auslaugen. Wir sollten ihm Stillabstände antrainieren. Wenn er dazwischen an etwas saugen möchte – den Schnuller lehnte er ab – sollten wir ihm die kleine Fingerkuppe geben.
Wir versuchten, diesem Rat zu folgen. Wir waren verunsichert. Ich gab ihm nicht die Brust, sondern die Fingerkuppe.
Er fand das wenig amüsant und änderte sein Verhalten ebenfalls.
Anstatt schmatzender Geräusche und Suchbewegungen, wenn er an die Brust wollte, forderte er sie nun unmittelbar mit lautem, alarmiertem Brüllen ein. Die Fingerkuppe änderte daran gar nichts.
Es dauerte mehrere Tage, bis er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte und ich einsah, dass wir keine Stillabstände erzwingen konnten.
Erst unsere letzte Hebamme erklärte mir, dass es keine echten Regeln gibt beim Stillen. Sie sagte, dass gut ist, was für mich und mein Baby gut ist. Was für uns passt. Die Situation beruhigte sich.

Einen Stillrhythmus gab es nicht

Mein Baby blieb ein Kind, das vergleichsweise häufig und viel trank. Tags, aber auch nachts. Das konnte ich akzeptieren. Was allerdings immer wieder zu Problemen führte, war die Unregelmäßigkeit seines Hungers.
In den ersten Monaten gab es immer wieder Phasen, in denen er zunächst irre häufig angelegt werden wollte, um am nächsten Tag kaum zu trinken. Das führte alle paar Wochen zu Milchstaus und schmerzhaften Brustentzündungen. Einige Male waren diese auch begleitet von Fieber und starken Gliederschmerzen. Das Stillen an der entzündeten Brust tat höllisch weh.

Ich las im Internet, dass Ärzte in dieser Situation Antibiotika verschreiben würden. Ich zog es vor, viel anzulegen (mit dem Kinn in Richtung der entzündeten Stelle) und durchzuhalten. Es wurde jedes Mal von selbst wieder besser.
Außerdem besorgte ich mir eine Handmilchpumpe und lernte, die überschüssige Milch mit der Hand auszustreifen. Das konnte das Schlimmste manchmal noch abwenden.

Anmerkung: meiner Erfahrung nach kommen Antibiotika wirklich selten zum Einsatz. Nur wenn die Symptome total verschleppt werden, kommt man da nicht drum herum. Allerdings ist dann manchmal auch die Gabe über eine Vene im Krankenhaus nötig. Es gibt dazu Medikamente, die während der Stillzeit zugelassen sind. Ein Milchstau ist kein Grund zum Abstillen. Wenn ihr euch mit den Medikamenten unwohl fühlt, könnt ihr zur größten Not auch einige Tage abpumpen und die Milch verwerfen. Einen positiven Effekt auf die Schmerzen hat das meistens auch.

Milchbläschen als Ursache

Einmal hatte ich auch ein sogenanntes Milchbläschen in Verbindung mit einem Milchstau. Gemäß einer Anleitung im Internet stach ich es vorsichtig mit einer über einer Kerzenflamme sterilisierten Nadel auf. Es half.

Anmerkung: auch ich habe damit Erfahrung gemacht. Glücklicherweise hatte mich eine Hebamme da schon drauf vorbereitet. Sonst wäre ich nie darauf gekommen, dass es das gibt! Man empfindet eine riesige Erleichterung, sobald der Milchgang wieder frei ist und das Baby saugt. Bei mir hat das Zuppeln mit einer sauberen Pinzette und anschließendes Stillen oft ausgereicht.

Stillgeschichte Rubbelbatz

Foto(s): Rubbelbatz ©

Nach 3 Monaten wird Stillen zum Alltag

Nach etwa 3-4 Monaten veränderte sich meine Stillbrust. Das Gewebe wurde weicher und geschmeidiger. Es war auch nicht mehr so hart, wenn zu viel Milch darin war. Anfangs dachte ich, die Milch würde weniger, doch dem war nicht so. Heute weiß ich, dass das wohl ganz normal ist. Mit dieser Umstellung wurden auch die Komplikationen weniger und das Stillen fühlte sich wie Alltag an.

Schlechte Nächte

Mit etwa 14 Monaten wollte ICH nachts nicht mehr stillen. Mein Kind wachte teils alle 30 Minuten auf und ich hatte akuten Schlafmangel. Ich beschloss also zwischen 22 und 4 Uhr nicht mehr zu stillen.
Meine Hoffnung war natürlich, dass er dann länger am Stück schlafen würde – oder sogar diesen Zeitraum komplett durchschlafen würde.
Die erste Nacht war hart und laut, nach drei Nächten hatte er es akzeptiert. Es war einfacher, als gedacht.
Allerdings passierte nicht, was wir gehofft hatten. Er schlief weiterhin genauso unruhig und wachte genauso häufig auf. Nur, dass er jetzt nicht mehr die Brust als Beruhigung brauchte – sondern auf mir liegend wieder einschlafen wollte.

Ich möchte doch abstillen

Eigentlich hatte ich vor, den Zeitpunkt für das gänzliche Abstillen meinem Sohn zu überlassen. Er sollte Muttermilch bekommen, solange er sie brauchte.

Als er 22 Monate alt war, ging es nicht mehr. Phasenweise wollte er wieder alle 15 Minuten an die Brust und mir war es einfach zu viel.
Nicht das Stillen an sich störte mich, sondern die Häufigkeit und Vehemenz mit der er es einforderte.
Als wir von einem Aufenthalt bei meinen Eltern zurück nach Berlin fuhren, stillte ich ihn schlafend im Zug etwa zwei Stunden lang. Dabei wusste ich nicht, dass es das allerletzte Mal sein würde. Im Nachhinein macht mich der Gedanke daran traurig.

Als wir zurück waren, erklärte ich ihm, dass ich nicht mehr stillen möchte. Er könne jederzeit etwas zu essen oder zu trinken bekommen, aber eben keine Milch aus meiner Brust mehr.
Auch diesmal ging es unerwartet einfach. Er fragte danach, ich erklärte ihm wieder, dass ich das nicht mehr möchte und bot ihm eine Alternative an.
Keine Wutausbrüche, nur gelegentlich kurzes Weinen. Dann nahm er jedesmal die Milch oder das Wasser aus der Flasche oder was eben zur Hand war.

Neurodermitis nach dem Abstillen

Kurz nach dem Abstillen setzte bei meinem Sohn eine schlimme Neurodermitis ein. Ob das eine mit dem anderen zu tun hat, kann ich nicht sagen. In jedem Fall mache ich mir manchmal Gedanken, ob die Muttermilch den Schub zumindest hätte abmildern können?!

Anmerkung: Ich halte viel von den wissenschaftlichen Theorien, dass sich Muttermilch protektiv auf die Bildung von Allergien und der Atopie auswirkt. Die Studienlage ist meiner Kenntnis nach gut. Allerdings würde ich sagen, dass die Weichen (also die Gene) schon sehr früh – innerhalb der ersten Lebensmonate – gestellt waren. Auch wenn die Muttermilch theoretisch das Immunsystem beeinflussen könnte, wäre es so oder so irgendwann dazu gekommen.

Langzeitstillen zweites Kind

die Stillbeziehung zu meinem zweiten Sohn

Mein zweites Baby kam zu Hause zur Welt. Diesmal war ich es selbst, die ihn hochnahm und auf meinen Bauch legte. Als er begann zu suchen, legte ich ihn an und er trank. Einmal auf jeder Seite und dann schlief er viele Stunden.
Im Gegensatz zu seinem großen Bruder trinkt er bis heute vor allem, wenn er hungrig oder durstig ist – nicht aus jedem anderen denkbaren Grund von Verunsicherung über Müdigkeit bis hin zum Bedürfnis nach Nähe.

Meine zweite Stillbeziehung ist also viel weniger anstrengend, auch für meinen Körper. Keine Brustentzündungen, kein Dauernuckeln. Lediglich ein Milchbläschen hatte ich in den 14 Monaten, in denen ich bisher stille.

Abstillen bei BLW

Genau wie sein großer Bruder darf der Kleine ohne Brei die Welt der festen Nahrung erkunden. Das führt in vielen Fällen dazu, dass die Kinder länger auf Milchnahrung zurückgreifen und nicht gleich große Mengen essen.
Darum ist es aktuell so, dass er nachts durchschnittlich alle 2-3 Stunden an der Brust trinkt. Manchmal schläft er länger durch, manchmal kommt er häufiger. Weil er allerdings kein Dauernuckler ist, sondern ich ihn abdocken darf oder er sich selbst wegrollt, sobald er fertig ist, macht mir das nicht so viel aus.
Ich bin guter Dinge, diesmal ihm überlassen zu können, wann er auf die Muttermilch verzichten kann.

Mein Still-Tipp an alle werdende Mütter

Ich rate jeder werdenden Mutter, ihr Kind zu stillen. Es gibt zahlreiche gute Gründe dafür.
Ich weiß, dass viele Mütter, die nicht stillen können oder wollten, sich dadurch aus irgendeinem Grund angegriffen fühlen. Ich finde nicht, dass sie das müssen.
Niemand ist ein schlechter Mensch, weil das Kind keine Muttermilch hatte. Trotzdem kenne ich die vielen Vorteile der Muttermilch für Mama und Baby und rate jedem, sich gut und vielseitig zu informieren, bevor man entscheidet, nicht zu stillen.

Meiner Erfahrung nach führt das Auseinandersetzen häufig dazu, dass die Mütter, die erst zweifelten, dann doch stillen, aber schnell etwas passiert und es nicht gut klappt: Das Baby trinkt nicht richtig, nimmt nicht zu oder es kommt einfach zu wenig Milch. Innerhalb weniger Wochen oder Monate steigen sie dann auf die Flasche um.
Das sieht dann vielleicht aus wie ein Scheitern, aber tatsächlich ist jeder Tag, jede einzelne Milchportion, wertvoll.

Jeder Tropfen Muttermilch zählt!

Auch, wenn Du Dein Baby nur einmal unmittelbar nach der Geburt anlegst, damit es von der Vormilch (Kolostrum) trinken kann, ist schon unheimlich viel gewonnen. Die Enzyme, Darmbakterien und andere wertvolle Inhaltsstoffe legen sich, so habe ich das mal gelesen, wie eine schützende Schicht auf die Darmschleimhaut Deines Babys. Damit es vom Stillen profitiert, musst Du also nicht einmal wirklich stillen und den Milcheinschuss abwarten. Schon eine einzige Mahlzeit hilft!

(Anmerkung: Darmbakterien sind nicht in der Muttermilch, die ja ein steriles Ultrafiltrat des Blutes ist. Einen Effekt von mütterlichen Keimen auf der Haut, die in den Darm wandern, könnte ich mir schon eher vorstellen… Die Enzyme aus der Muttermilch beeinflussen die Darmbakterien, die bereits auf dem Weg durch den Geburtskanal aufgenommen werden. Aber gut, das wird nun Fach-Geplänkel.)

Allen Müttern, die sich für das Stillen entschieden haben und Probleme haben, rate ich, sich Hilfe zu suchen. Dass alles so schnell klappt wie bei mir, ist nicht unbedingt die Regel.
Die meisten meiner Freundinnen brauchten Hilfe durch die Hebamme, Stillhütchen oder andere Hilfsmittel. Eine Bekannte hat sechs Monate lang Milch für ihr Baby abgepumpt und mit der Flasche gefüttert! Wenn es bei Dir also nicht gleich klappt, ist das kein Versagen und bedeutet nicht, dass Du nicht stillen kannst. Es ist ganz normal und in den meisten Fällen lösbar – mit Unterstützung.



Das mütterliche Bauchgefühl ist gut!

Ich danke dir liebe Hanna, für diesen ehrlichen, authentischen Bericht!
Ich muss gestehen, dass ich innerlich ein bisschen gejubelt habe, als du anfangs deine Verunsicherungen durch die Hebammen angesprochen hast. 

Der öffentliche Tenor vieler Mütter über ihre Hebamme ist eher von Dankbarkeit und Lob geprägt. Allerdings habe ich es auch schon öfters mitbekommen, dass Hebammen – im Krankenhaus oder in der Nachsorge – Stress bei den Wöchnerinnen erzeugen. Deshalb rate ich immer dazu, das eigene Bauchgefühl nie außen vor zu lassen, egal welche Tipps die Hebammen auf Lager haben. Auch Jahrelange Berufserfahrung bedeutet nicht zwingend, dass eine Hebamme deine individuelle Situation auf Grund einer Momentaufnahme treffend einschätzen kann. Das kann keiner!

Generell stillt Hanna komplett anders als ich es für mich in Erwägung gezogen habe. Bei uns gab es Rhythmus, Stillzeiten und Abstände, mit denen ich mich sehr wohl gefühlt habe und meine Kinder alle gut gewachsen sind. Das Abstillen habe ich ab dem Zeitpunkt vorangetrieben, wenn ich mir sicher war , dass sie genug Nahrung und Flüssigkeit zu sich nehmen.
Welcher Weg ist nun besser oder schlechter? Darauf gibt es keine Antwort. Mir ist wichtig, dass Informationen zu den unterschiedlichen Ansätzen zugänglich sind. So können sich Wissen und Bauchgefühl abgleichen.

Auch ich habe beobachtet, dass jedes meiner drei Babys andere Ziele beim Stillen verfolgt. Diese Information finde ich sehr wichtig. Denn sie zeigt nochmal sehr deutlich, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt.

Milch und Mehr Kinderernaehrung Signatur

Zum Weiterlesen kann ich folgende Artikel empfehlen:

Langzeitstillen mit Zwillingen.
Stillen in anderen Kulturen: Brasilien.
Mein Stilldrama: Prolog.
Zwillinge Stillen – Frühchen Stillen. Ein Resümee.

Rubbelbatz – Hannas Familienblog.

Ps. zum Merken & Weitersagen:

Langzeitstillen Erfahrungen Zweifachmutter



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