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Stillen & Beikost in anderen Kulturen: Brasilien

Die Babyernährung ist überall auf der Welt anderes. Manchmal gibt es sogar schon große Unterschiede, wenn man nur einmal kurz über die Grenze ins Nachbarland schaut.
Wie stillen die Frauen also in anderen Kulturen? Stillen sie überhaupt? Und wie zelebriert man auf der anderen Seite der Welt den Beikoststart?
In diesem Blogpost möchte ich mit euch über den Tellerrand – nämlich nach Brasilien– schauen.
Schon viele Mütter sind hier mit ihren Stillerfahrungen zu Wort gekommen, aus denen andere Frauen für ihre eigene Geschichte lernen konnten.
Anhand der ganz unterschiedlichen Perspektiven erkennen wir: höchstwahrscheinlich ist kein Weg richtiger als der andere. Toleranz unter Müttern ist so wichtig! Und alles andere vollkommen unnötig.
Nun ist die Perspektive eine ganz andere – was diese Geschichte super spannend macht.



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Mutter werden in Brasilien

Mireia ist Ende Zwanzig, halb spanisch, halb deutsch und in der Nähe von Barcelona aufgewachsen.
Ihre Tochter ist 2018 in Brasilien auf die Welt gekommen, wo auch ihr Mann herkommt.
Dort verbrachte Mireia also die ersten Monate als Mutter. Kurz vor dem ersten Geburtstag ging es für die Familie nach Berlin.
Das glich einem kleinen Babyernährungs-Kulturschock! Hier bei uns war auf einmal einiges anderes, als in ihrer eigenen Heimat und der ihres Mannes. Obwohl doch gerade der deutschen Hauptstadt viel Toleranz nachgesagt wird?! Mireia fühlte sich fehl am Platz.
Welche Stillerfahrungen sie geprägt haben, wie die Haltung zur Babyernährung in Brasilien ist und was sie über die hierzulande typischen Einstellungen hält, erfahrt ihr im Folgenden.

Geburt in São Paulo

Bevor ich schwanger wurde, habe ich das Stillen als selbstverständlich gesehen. Ich dachte, es ginge „von alleine“.
Als ich dann wirklich schwanger war, hatte ich mehrere Laborkolleginnen mit kleinen Kindern, die alle gestillt haben. Sie haben mir schon klargemacht, dass viele Probleme auftreten können. Da ich eine unkomplizierte Schwangerschaft genoss und keinen vermeidbaren Kaiserschnitt wollte, welcher in Brasilien üblich war, landete ich in dem schönen Geburtshaus Casa Angela in São Paulo.
Das Geburtshaus wurde übrigens nach einer deutschen Hebamme benannt, die dort Sozialarbeit leistete. Wir hatten im Geburtshaus einen wunderbaren Kurs zur Still-Vorbereitung. Die Theorie war einfach: nach Bedarf richtig anlegen.
Zur Frage „wie lang sollte ich idealerweise stillen?“ war die Antwort in meinem damaligen Umfeld auch eindeutig: Mindestens zwei Jahre lang, nach der Empfehlung der WHO.

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Stillen in der Familie

In meiner Familie und der Familie von meinem Mann gibt es unterschiedliche Erfahrung mit dem Stillen. Trotzdem hat glücklicherweise im Allgemein keiner Einwände auf die Art und Weise, wie ich meine Tochter ernähre.
Es stört auch keinen, dass ich sie überall, wo und wie es in dem Moment passt, stille.
Meine Mutter, Deutsche, die selbst gar nicht gestillt wurde, hat es damals mit Hilfe von einer Stillgruppe geschafft, zuerst meinen Bruder eineinhalb Jahre und dann mich über drei Jahre lang zu stillen.
Meine mütterliche, deutsche Oma hat kaum gestillt, wegen dem damals typischen „anti-still Regiment“ wie: mit einem Abstand von X Stunden Stillen, vor und nach dem Stillen Babys wiegen und sich die meiste Zeit in getrennten Zimmern aufhalten.
Meine spanische Oma dagegen kannte keine strengen Regeln und hat ihre Babys ungefähr ein Jahr lang gestillt, obwohl sie ab vier Monaten ordentlich mit süßem Brei zugefüttert hat.
Auf der brasilianischen Seite ist es ähnlich, die jetzigen Uromas haben weniger gestillt und schon früh möglichst viel zu gefüttert, die Oma-Generation meiner Tochter hat schon mehr Wert auf das Stillen gelegt, allerdings hat keiner 2 Jahre lang gestillt.
In der aktuellen Mama Generation bin ich und meine spanische Tante, die um die 4 Jahren gestillt hat, wenn sie nicht noch immer stillt. Sie geht mit dem Thema eher diskret um.
Ich habe das Gefühl, dass das lange Stillen doch noch in gewisser Weise ein Tabu ist, ganz egal wo auf der Welt. Obwohl sich viele anstrengen, offen und tolerant zu sein.

Alltag mit Babys und Kleinkindern in Brasilien

Brasilien ist groß und hat viele Kontraste. In Wohlhabenden Familien werden Babys oft von Nannys oder Hausmädchen versorgt. Man sieht viele davon in bestimmten Gegenden, meistens braune Frauen in Arbeitsuniform mit schicken Kinderwagen in denen helle Kinder sitzen.
Babys und Kleinkinder von wohlhabenden Familien sind auch teilweise in ultra modernen High-Tech Kitas aufgehoben, während die Mütter arbeiten.
Es kommt häufig vor, dass Frauen ihre eigenen Kinder schon früh zur Betreuung bei Familienangehörigen abgeben, um selbst Kinder von anderen zu versorgen.
In mittelständigen Familien werden viele Kinder von zu Hause-bleibenden Mamas betreut oder von den Omas.
Oft kosten die Kitas soviel wie die arbeitende Mutter verdient. Manche Frauen gehen trotzdem arbeiten, weil es ihnen gut tut, andere bleiben lieber gleich zu Hause und lassen den Partner das Einkommen alleine verdienen. Es gibt zwar kostenlose Kitas, aber nicht genug.
Die gesetzliche Elternzeit ist sehr kurz, nur 4 Monate für die Frauen und 6 Tage für die Männer. Ganz wenige Unternehmen bieten den Mamas 6 Monate und den Papas 2 Monate an.
Die Betreuungssituation hat aber nicht unbedingt etwas mit der Stillbeziehung zu tun.

das erste Still-Erlebnis im Geburtshaus

Als meine Kleine geboren wurde, durfte sie sofort auf mir Haut an Haut liegen. In dieser ersten Stunde hat sie von sich aus nicht getrunken und wurde auch noch nicht angelegt.
Als wir eine Weile später im Zimmer waren haben die Hebammen mir geholfen sie anzulegen. Mein Kind war ziemlich nervös, wollte trinken aber ihre Händchen waren immer im Weg. Hat man die Händchen zur Seite getan, hat sie geschrien und dazwischen in voller Wut die Luft angehalten, als wolle sie Kraft sammeln für den nächsten Schrei.
Ab und zu hat es geklappt, sie war angedockt und hat 10 bis 15 Minuten getrunken, nie mehr, bis heute nicht.
Den Hebammen nach war das zu kurz, und das hat uns damals Sorgen gemacht. Obwohl sie eigentlich richtig angedockt war, hatte ich nach einem paar Mal Stillen wunde Haut.
Ich bekam eine pflanzliche Creme, die nicht viel geholfen hat.

schmerzhafter Milcheinschuss

Eineinhalb Tage nach der Geburt fing es an: ich hatte Schmerzen neben meinem Schlüsselbein. Ich dachte es wäre ein Muskel, die Stelle schwoll an. Über die Stunden wanderte die Schwellung nach und nach runter, mein Körper produzierte nun die reife Milch und das war in meinem Fall sehr schmerzhaft. Nach einer natürlichen Geburt ohne Schmerzmittel dachte ich, ich könne alles ab, aber dass der Milcheinschuss so schmerzhaft sein kann, hatte ich nicht gewusst. Es hat weh getan, wegen dem Druck, wenn sie nicht getrunken hat und es hat an der Haut weh getan, wenn sie getrunken hat. Schmerzen ohne Ende. In diesem Moment dachte selbst ich, die Stillen für selbstverständlich hielt, an die Möglichkeit, doch lieber die Flasche zu geben. Im Geburtshaus wollten sie mich behalten, bis sich das Stillen einpendelte.

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Wochenbett ohne Hebamme

Ich wollte trotzdem weg. Zu Hause rief ich meine Kolleginnen an und fragte sie um Rat. Ich solle abpumpen. Ich habe es versucht. Es kam aber nichts raus. Ich fragte sie: kann ich Schmerzmittel nehmen? Paracetamol. Und Ruhe war. Einmal abends habe ich Paracetamol genommen und es war gut. Nachts hat die kleine mehrmals getrunken und am nächsten Tag war die ganze Schwellung deutlich zurückgegangen. Zu der wunden Haut: Sobald die reife Milch darauf tropfte, ist sie geheilt.
Das war so unglaublich, ich musste an die Tränen des Phoenix bei Harry Potter denken, die Basilisk Wunden heilen. Ich habe die Milch, die rausgetropft ist, wenn die Kleine an der anderen Seite getrunken hat, an der Haut trocknen lassen. Bald hatte ich keine Schmerzen an der Haut mehr.
In meinem Fall haben sich die Anfangsprobleme also quasi von selbst gelöst, trotzdem hätte ich es nicht durchgestanden, wenn ich nicht meine Mutter und meinen Partner an meiner Seite gehabt hätte, die mich die ersten 2 Wochen bzw. 20 Tage (Urlaub bzw. Elternzeit) bekocht haben, Windeln gewechselt haben, und alles andere erledigt haben, damit ich in Ruhe Stillen konnte.
In Brasilien gibt es keine Hebammen, die zu einem nach Hause kommen.
Es gab eine Sozialarbeiterin, die einmal im Monat vorbeigekommen ist, um zu sehen, wie es uns geht und um uns an die Arzttermine und Impftermine zu erinnern. Der Hausarzt, der jeden Monat die Kleine gewogen, gemessen und untersucht hat, hat auch das Stillen unterstützt.

Still-Probleme im Lauf der Zeit

Zwar haben sich die Probleme am Anfang innerhalb weniger Tage gelöst, es sind aber mit der Zeit andere Probleme aufgetreten wie Bisswunden und Milchstau aber auch andere Angelegenheiten, die mich sehr verunsichert haben: nämlich Babykaries, Medikamenteneinnahme und die Kita-Eingewöhnung.

Bisswunden und Milchstau

Mit 6 Monaten ist der erste Zahn gekommen und damit die erste Bisswunde. Die kleine eitrige Wunde hat sich von selbst geheilt, ich habe meine Phoenix Tränen darauf trocknen lassen. Die nächste Bisswunde kam als meine Tochter über ein Jahr alt war. Damals war ich sehr genervt, weil sie andauernd trinken wollte (Wachstumsschub) und die Wunde nicht geheilt ist. Als ich Silikonhütchen aufsetzte hat meine Kleine nur erschrocken geguckt und geweint. Letztendlich war die Lösung auch wieder Geduld und die Tränen des Phönix einwirken zu lassen.
Milchstau hatte ich zwei Mal. Eine Freundin, die es auch schon hatte, sagte in welcher Stellung ich stillen muss, um den Milchstau zu lösen: mit dem Unterkiefer der Kleinen Richtung Milchstau. Zum Glück klappte das gut.

Medikamenteneinnahme

Irgendwann wollte ich Medikamente nehmen. Das hat mir Verzweiflung und Ratlosigkeit beschert. Darf ich das nehmen, muss ich abpumpen oder gar abstillen?
In unserem Fall hat die Webseite e-lactancia „das Stillen gerettet“, nach dem Motto der spanischen ärztlichen Organisation, die dahintersteht.
Dort findet man zu jedem Wirkstoff eine aktualisierte Zusammenfassung der wissenschaftlichen Literatur, pharmakinetischen Eigenschaften und eine allgemeine Einschätzung des Risikos für den Säugling. Dank e-lactancia, konnte ich informiert entscheiden ob ich das Medikament einfach nehme, eine bestimmte Zeit danach die Milch abpumpe und entsorge, oder eine vorgeschlagene Alternative zum gesuchten Wirkstoff wähle.
Leider musste ich die Erfahrung machen, dass nicht jeder Arzt auf dem neuesten Stand der Wissenschaft ist, was das Stillen angeht. Deswegen finde ich diese Webseite sehr wertvoll.

Anmerkung: Ich habe mich für meine betroffenen Patientinnen  immer auf Embryotox schlaugemacht. Der letzte Abschnitt zu jedem Medikament bezieht sich immer auf die Stillzeit, der obere Teil auf die Schwangerschaft.

Babykaries

Als wir nach Deutschland gezogen sind, war in unserem Umfeld die strenge Regel „kein Zucker bis zum 2. Lebensjahr“ nicht mehr spürbar, sowie ich es aus Brasilien von meinen Freundinnen kannte.
Ab dem 1. Geburtstag habe ich etwas nachgegeben, doch leider haben es die vier oberen Vorderzähne meiner Kleinen nicht mitgemacht.
Babykaries ist zwar sehr selten, doch offensichtlich tritt sie nicht nur bei Babys auf, die Fläschchen mit süßen Getränken bekommen.
Manche sind leider anfälliger…und das weiß man nicht, bis es zu spät ist.
Also ist die Regel von den 2 Jahren Zuckerfreiheit doch sehr sinnvoll, unter anderem um Babykaries zu vermeiden.
Bei meiner Tochter hatten die beiden oberen Vorderzähne schon immer keinen geraden Rand gehabt, deswegen war es nicht so einfach erkennbar als sie anfingen abzubrechen. Wir dachten, es wäre nur weil sie darauf gefallen war.
Über mehreren Monaten sind sie weiter abgebrochen und haben angefangen, sich in der Innenseite grau-braun zu verfärben.
Die Kinderzahnärztin, zu der ich zunächst ging, diagnostizierte Karies und riet mir zum Abstillen.
Natürlich habe ich mich umfangreich informiert, bevor ich so eine Entscheidung treffen wollte. Nach vielen Zahnarztbesuchen und Recherche haben wir nicht abgestillt, putzen drei Mal am Tag die Zähne mit Fluorid-haltiger Zahnpasta und achten darauf, dass sie überhaupt keine freien Zucker mehr einnimmt. Wir folgen auch hier den Empfehlungen der WHO.

Anmerkung: Leider spielt bei der Ausbildung von Karies die Genetik eine große Rolle. Wenn die Eltern selbst von Karies in der frühen Kindheit betroffen waren, sollte man beim Nachwuchs sehr wachsam sein. Ab etwa drei Jahren macht eine elektrische Kinderzahnbürste für diese Kinder Sinn. Das wollte ich erst nicht glauben, bin nun aber persönlich überzeugt.
Wenn die hinteren Zähne auffällig sind, könnte es sich auch um das Krankheitsbild der Milchmolaren Kreidezähne handeln.
Meine Erfahrungen mit der Zahnpflege von Babys und Kleinkindern könnt ihr auch nachlesen.

Bericht Langzeitstillen Babykaries

 

Kita-Eingewöhnung

Als meine Tochter 15 Monate alt war, haben wir die Eingewöhnung in der Kita angefangen. Die Pädagogen und Erzieher haben große Augen gemacht, als ich ihre Fragen beantwortete: nach Bedarf gestillt, kein Schnuller, keine Flasche.
Was in São Paulo gelobt wurde, war in Berlin ein Problem. Das hat mich sehr verwirrt und verunsichert.
Dass Kitas in Berlin das Stillen nicht unterstützen, wurde mir erst klar, als ich mich mit Müttern auf dem Spielplatz austauschte. Bis dahin hatte ich nur gute Erfahrungen gemacht, wenn ich meine Tochter bei Familienangehörigen oder in der Tagespflege in Brasilien gelassen habe. Deswegen war ich verwirrt, dass das Stillen ein Problem für die Erzieher war. Ich habe damals zu diesem Thema im Internet nicht viel gefunden, deswegen sage ich hier: Die Eingewöhnung und Stillen geht problemlos! Lasst euch nichts einreden. Das schließt sich nicht aus.

Still-Routine und Abstillen

Innerhalb weniger Tage hat sich das Stillen bei uns eingefädelt. Was uns meiner Meinung nach dabei geholfen hat, ist, dass unsere Tochter von Anfang an bei uns geschlafen hat, durch ihren Widerstand, in ihrem Bettchen zu sein.
Sie hat nachts an einer Seite getrunken und dabei sind wir beide eingeschlafen. Als sie wieder trinken wollte haben wir die Seite gewechselt. Und so machen wir das bis heute. Am Tag genauso. In der Zeit zwischen dem Stillen habe ich am Anfang nur gegessen, getrunken und bin auf Toilette gegangen. Mit der Zeit hat sie in größeren Abständen getrunken und ich konnte ein Paar Dinge mehr erledigen in den Pausen, wenn es mir gelungen ist, sie abzulegen, ohne sie zu wecken. Zum Beispiel an meiner Masterarbeit schreiben und verteidigen, als sie 8 Monate alt war.
Zwei Mal musste ich ins Labor, um Experimente durchzuführen, da habe ich Milch abgepumpt und sie bei meiner Schwiegermutter gelassen. Ich fand das Abpumpen langwierig und unangenehm, und meine Kleine hat es nicht Mal getrunken. Sie hat lieber gewartet, bis ich wieder da war.
Die ersten 6 Monate hatten wir keine festgelegte Routine. Die Milch war immer da, sie hat geschlafen, wann sie wollte und wir waren viel unterwegs. Wichtig war nur, dass ich immer viel nahrhaftes Essen für mich hatte. Wir haben sonntags groß gekocht und Portionen eingefroren. Ab und zu habe ich auch Essen von meiner Schwiegermutter gekriegt.

Wir sind nun schon fast am ursprünglichen Still-Ziel – 2 Jahre – und ich habe keinen Grund mehr, um sie abzustillen. Ich denke, es wird irgendwann von alleine – in gegenseitigem Einverständnis – passieren.

Stillen in der Öffentlichkeit: Brasilien und Deutschland

Ich muss sagen, ich habe sowohl in Brasilien als auch in Deutschland nur gute Erfahrungen mit dem Stillen in der Öffentlichkeit gemacht. Ich stille überall und wenn es jemanden gestört hat, habe ich es auf keine Weise gemerkt.
In São Paulo haben mich die Menschen generell viel mehr angesprochen wenn ich mit der Kleinen unterwegs war. Oft haben sie auch Kritik geäußert, meinten ich solle sie wärmer anziehen oder ich solle ihr doch Ohrlöcher stechen lassen, oder der Sling wäre nicht sicher. Aber nie gab es Kommentare zum Stillen, außer einer Frau, die mir nachrief: „Stillen im Laufen macht Krampfadern!“.
In Berlin sagt selten jemand etwas. Doch wenn, dann nur positives. Allerdings habe ich hier und dort kaum jemand anderes in der Öffentlichkeit stillen gesehen.

Beikosteinführung in Brasilien

Wie gesagt, Braslilien ist sehr groß und vielfältig. Ich kann nur darüber berichten, was ich in São Paulo erlebt habe.
Es gibt auch die Lager BLW und Brei, so wie hier. Bei den vergangenen Generationen war der Brei das Übliche, aber heutzutage ist es den meisten bewusst, dass es besser ist, ganze Stücke zu geben, damit die Kinder die Texturen erfahren und nur soviel essen, wie sie brauchen und nicht mit dem Löffel vollgestopft werden.
Um eine gesunde Ernährung von klein auf einzuführen und das Allergierisiko zu vermindern, versucht man ihnen eine Vielfalt von Nährstoffen, nach und nach, vorzulegen.
In Brasilien wird auf jeden Fall viel gekocht. Aas Angebot an Fertiggerichten ist nicht so groß und günstig wie in Deutschland, und das gilt auch für Babynahrung.
Das Gesundheitsministerium empfiehlt keinen Zucker und nur ganz wenig Salz für Kinder unter 2 Jahren. Wer den Empfehlungen folgt – alle meine Bekannte dort – kocht separat für die Kleinen oder isst selbst ohne Salz. Viele geben den Kleinen auch einfach etwas vom „normalen“ ab, mit der Gabel zerdrückt oder ganz.

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Unser Weg: BLW ohne Zucker

Mit 5 Monaten war unsere Kleine schon sehr am Essen interessiert, wenn sie mir dabei zuschaute. Sie durfte Obst probieren und nach und nach rohes oder gekochtes Gemüse. Ab dem 6. Monat hat sie bei jeder Mahlzeit auch etwas bekommen, sie hat jedoch sehr lange größtenteils mit dem Essen gespielt und das wenigste gegessen. Ich habe ihr hauptsächlich große Stücke gegeben, die sie selbst halten konnte, also im Sinne von Baby Led Weaning eingeführt.
Aber ich habe es auch mal ausprobiert, ihr mit der Gabel Zerdrücktes mit dem Löffel zu geben. Sie hat aber auch nicht mehr als drei Löffelchen angenommen.
Mit einem Jahr hat sie schon alles probiert, was ich gegessen habe. Manchmal habe ich mir Sorgen gemacht, dass sie zu wenig isst oder habe mich geärgert, dass das liebevoll vorbereitete Essen auf dem Boden gelandet ist.
Der größte Unterschied in meiner Erfahrung zwischen São Paulo und Berlin: Zucker.
Als wir Kitas in Berlin besichtigt haben, und es süße Gerichte und süße Nachspeisen auf dem Essplan gab, waren wir geschockt.

Meine Tipps für (werdende) Mamas?

Geduld. Vertrauen. Möglichst viel Unterstützung organisieren: Partner, Familienangehörige, Freunde oder auch Angestellte, warum nicht?
Man braucht konstante Hilfe, man braucht jemanden, der für einen kocht. Man muss sich wohl fühlen, entspannt und geliebt, damit die Hormone ihren Job machen.
Sehr wichtig: mit anderen Stillmamas verbunden sein. Die Zeit genießen. Flexibel sein, sich darauf einstellen, dass alles anders sein wird, sobald das Baby da ist. Man muss sich nämlich an das Baby anpassen, welches einen eigenen Charakter und individuelle Bedürfnisse hat.


Mireia hat in São Paulo Biotechnologie studiert und ist seit ihrem Masterabschluss mit ihrer Tochter zu Hause. Zum Zeitpunkt des Schreibens wohnt die Familie ein Jahr in Berlin. Auf ihrem Instagram-Profil dokumentiert sie ihren Weg als junge, lässige Langzeit-Stillmama.

Vielen Dank, Mireia, für diesen sehr tiefgründigen, interessanten Bericht.
Mein Herz hüpfte ja besonders freudig über die allgemein skeptischere Haltung über Zuckerzusätze und Fertigprodukten. Das hätte ich in einem aufstrebenden Land anders erwartet. Das ist super! Beziehungsweise wirft es bei mir die Frage auf, warum es hier vielen egal ist?
Ich finde es toll, dass du dich nicht vom Umfeld beirren lässt und einfach deinem wissengespickten Bauchgefühl vertraust. So mache ich es ja auch in vielen Lebenslagen als Mutter bislang ganz erfolgreich.
Ich persönlich bin keine Langzeitstillende. Meine Erkenntnis: ich finde Stillen sehr wichtig und richtig, mache es aber gar nicht so richtig gerne. (Das wäre noch ein Thema für sich…).
Trotzdem ist mir wichtig: kein Weg ist richtig oder falsch, solange sich alle wohl fühlen und gesund sind.
Bei den älteren Stillkindern, die ich kenne, ist es irgendwann  selbstverständlich, dass es Stillmahlzeiten nur gibt, wenn Mama da ist. In der Betreuuung durch andere Familienmitglieder oder in der Kita essen und trinken sie bei Hunger und finden anders Trost.
Eine Stillbeziehung muss für beide Parteien passen. Das finde ich sehr wichtig. Sollte Mama ODER Kind genervt sein, ist es ein guter Grund, etwas zu ändern: in unserer Gesellschaft auch vor dem zweiten Geburtstag. Da sollte sich einfach auch keine Mutter Druck machen, um Ziele zu erreichen, die sie sich irgendwann einmal gesteckt hat. Aber solange es für beide passt, gilt: leben und Leben lassen!

Möchtest du die Milch & Mehr Blog-Serie „Stillen & Beikost in anderen Kulturen“ wachsen lassen? Kannst du Erfahrungen aus deiner Heimat/ Familiengeschichte zu Verfügung stellen?
Oder möchtest du deine Still-Geschichte generell festhalten? Dann nehmt doch gerne mit mir Kontakt auf: entweder über das Kommentarfeld, per Mail (mail@milchundmehr.de) oder über Social Media.

Zum Weiterlesen kann ich Folgendes empfehlen:
Zahnpflege bei Babys und Kleinkindern
Projekt Zuckerfrei – keine Schokolade für meine Babys
gesammelte Still-Erfahrungsberichte
meine eigene Stillgeschichte (Zwillinge, Frühchen)

Milch & Mehr Mamablog Signatur

Disclaimer: das Copyright der hier abgebildeten Fotos liegt bei @Mireia.Stillmama – Vielen Dank, dass ich die Bilder zeigen darf!

Ps. zum Merken & Weitersagen:

Stillen und Beikost in Brasilien Erfahrungsbericht




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2 Kommentare

  1. Maria sagt

    Ich kann nur bestätigen, dass es kein Problem ist ein Kind in der Betreuung zu haben (bei uns Tagesmutter 6h am Tag ab 10 Monate) und weiter zu stillen. Wenn ich nicht da bin, weil ich auch teils länger arbeiten muss, trinkt sie normal Wasser und isst Brei/feste Kost. Aber sobald ich da bin will sie erstmal ihre Portion Mama (sie ist jetzt 16 Monate alt). Also erstmal gucken wie es läuft und ausprobieren bevor man sich zu viele Sorgen macht ob das mit stillen und Betreuung klappt!

    • Mireia sagt

      Danke Maria, ich habe auch von Müttern auf dem Spielplatz ähnliche Erfahrungen gehört und das hat mir Mut gegeben, um einfach nach Gefühl weiter zu machen.

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