Still-Geschichten/ Interviews, Stillen
Kommentare 3

Zwillinge erfolgreich stillen: ein Vater berichtet

Heute ist es Zeit für noch einen Gastbeitrag in Form einer Still-Geschichte, während ich mir eine kleine Wochenbett-Auszeit gönne.
Diesmal ist es ein ganz besonderer Erfahrungsbericht. Nämlich zum ersten Mal aus der Perspektive eines Vaters. Meiner Einschätzung nach hat er seine Zwillinge auch schon in der Babyzeit sehr eng begleitet hat, höchstwahrscheinlich intensiver, als der Durchschnitts-Papa. Trotzdem ist man als Vater beim Stillen ja irgendwie Aussenstehender, obwohl man mittendrin ist. Deshalb freue ich mich, dass Felix sich bereit erklärt hat, seine Erinnerungen hier festzuhalten. Daraus können Mama UND Papa denke ich sehr gut das ein oder andere mitnehmen.
Ich habe mir eigentlich auch fest vorgenommen, meinen eigenen Mann zu einem Interview/ Bericht über unsere Stillzeit zu überreden. Bislang aber noch erfolglos. Vielleicht traut er sich ja bald als Dreifach-Papa…
Nun überlasse ich aber erst einmal Zwillingspapa Felix das Wort.

Zwillinge Stillen Wochenbett Erfahrungsbericht von Papa

Als Vater in Elternzeit

Wir sind zu Viert und leben in einer Großstadt. Mama und Papa (Mitdreißiger) und unsere beiden Töchter (aktuell 2 ½). Die Entbindung erfolgte geplant per Kaiserschnitt am ersten Tag nach der Vollendung der 37. Woche, also sind die beiden reif geboren. Dafür haben wir lange gekämpft und gebangt, da die Schwangerschaft nicht ganz einfach war.
Elternzeit hatte ich die ersten drei Monate, danach habe ich wieder neun Monate in Teilzeit gearbeitet. Seitdem bin ich mit den Kindern zu Hause und meine Frau arbeitet. Teilweise war das auch für sie in Teilzeit möglich, sodass wir einen richtig schönen gemeinsamen Familiensommer verbringen konnten. Unbezahlbare Erfahrungen, die Kinder so eng beim Aufwachsen begleiten zu können! Ursprünglich hatten wir mal andere Pläne, sie dann aber mehrfach über den Haufen geworfen, als wir gemerkt haben, dass es in dieser Konstellation für uns alle am besten funktioniert.

Zwillingsschwangerschaft aus Vatersicht

Ich kann mich noch genau erinnern: Von den Zwillingen erfahren habe ich am Telefon, nach dem Besuch meiner Frau beim Frauenarzt. Ich dachte zu erst „ach du meine Güte, was hat sich das Schicksal denn da für uns überlegt?“. Später hat sich dann pure Freude breit gemacht. Irgendwie fühlte sich plötzlich alles stimmig und vollständig an.
Vom Stillen hatte ich damals keine detaillierte Ahnung. Ich wusste, dass es das Beste fürs Baby ist. Deshalb war ich auch davon überzeugt, dass wir stillen werden. Meine Frau auch.
Wir haben uns daher auf Ersatznahrung gar nicht vorbereitet, also vor der Geburt keine Fläschchen oder Milchpulver gehortet.
Meine Frau hat zur Vorbereitung einmalig eine telefonische Stillberatung in Anspruch genommen. Wir waren einfach überzeugt, dass es klappt und ein natürlicher Prozess ist, zu dem man gar nicht so viel wissen muss. Dass es bei zarten Babys und Mehrlingen schon mal schnell kompliziert werden kann, hatten wir gar nicht richtig auf dem Schirm.

Zwillinge Stillen ein Papa berichtet

Wir haben es uns etwas einfacher vorgestellt, aber das ist egal, denn wir haben es geschafft und das ist das was zählt.
Es gab eben keinen Plan B. Denn wenn man nicht voll und ganz an Plan A glaubt, dann ist ein Scheitern möglicherweise vorprogrammiert. Eine der wichtigsten Lektionen, die mich das Elternsein immer wieder lehrt!
Ich finde es aber trotzdem wichtig, dass man als Papa genau über das Stillen Bescheid weiß. Das gehört meiner Meinung nach zu einer aufgeklärten und harmonischen Partnerschaft auf Augenhöhe dazu. Alles andere zementiert doch nur das klassische Rollenmodell.

Stillstart mit reifgeborenen Zwillingen

An das erste Stillerlebnis kann ich mich noch sehr gut erinnern. Das war noch im Krankenhaus und funktionierte nicht. Ich habe daher anschließend mit einem Fläschen übernommen.
Es dauerte etwas bis der Milcheinschuss kam und dann noch einmal etwas bis das Vollstillen klappte. Leider mussten wir bis dahin zufüttern. Ich rotierte etwas, um noch kurzfristig Fläschen und Ersatznahrung zu beschaffen, als wir nach wenigen Tagen aus dem Krankenhaus entlassen wurden.
Dazu kam, dass unsere Töchter während dieser Phase Gewicht verloren haben, was uns Sorgen bereitet hat, da das Geburtsgewicht – trotzdem sie reif geboren waren – bei beiden sehr gering war.
Ich war aber weiterhin fest davon überzeugt, dass wir das zu viert schaffen und wir haben es geschafft!

Wochenbett mit Zwillingen aus Vatersicht

Im wesentlichen sahen meine Aufgaben im Wochenbett so aus: die Kinder anreichen, anlegen helfen und die Kinder wieder nehmen. Und meine Frau mit einer großen Menge an Nährstoffen (der Bedarf war unglaublich groß!) zu versorgen. Neben dem Essen zubereiten habe ich versucht, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, damit sie sich ausschließlich auf das Stillen sowie ihre eigene Genesung nach der Sectio konzentrieren konnte.
Ich denke am besten können Männer ihre Frauen in so einer Lage unterstützen, indem sie wirklich ganz da sind: Soweit es geht, den Rücken von allem anderen freihalten. Und natürlich genug leckeres Essen zubereiten. Der Papa sollte da sein! Tags wie nachts. Immer und bedingungslos.

Es war ein ganz besonderer Moment, als wir es endlich geschafft hatten, dass beide Kinder voll gestillt werden konnten. Schwierig war dann wieder die nächste Steigerung, das Tandemstillen.
Mit einem Baby wäre die erste Zeit bestimmt einfacher gewesen, aber das lässt sich überhaupt nicht vergleichen. Meistens gibt es bei einem Kind weniger Komplikationen im Verlauf der Schwangerschaft. Es gibt seltener einen Kaiserschnitt, von dem die Stillende sich erst erholen muss und das Kind ist einfach schwerer, was ihm selbst den Start ins Leben erleichtert. Bei uns war es anders. So mussten wir extrem auf das Gewicht und die Gewichtszunahme achten (tägliches Wiegen) und zusätzlich war meine Frau von der Bauch-Operation sichtlich geschwächt. Mit nur einem Baby wäre dieses möglicherweise einfacher gewesen und hätte uns weniger Sorgen bereitet.

Zufüttern & Vollstillen

Wir haben zum Glück nur die ersten 2-3 Wochen zugefüttert und das habe ich komplett alleine gemacht. Ob die Kinder bei meiner Frau ähnlich gut aus der Flasche getrunken hätten, können wir also gar nicht sagen. Relativ schnell wurden die Flaschen dann aber wieder weggepackt und meine Frau war die alleinige Nahrungsquelle.
Ob es dann mal Situationen gab, in denen ich mich machtlos gefühlt habe? Ich kann mich nicht erinnern. Wir waren einfach so gut eingespielt, dass solche Gefühle nicht hochkamen. Jeder hatte seine Aufgabe und das hat wunderbar funktioniert.

Stillen Wochenbett mit Zwillingen Vatersicht

Eine Still-Routine hat sich glücklicherweise schon nach wenigen Tagen bereits eingestellt. Und so richtig routiniert wurden wir, nachdem wir das Zufüttern einstellen konnten.
Die ersten drei Monate war ist komplett da, danach war meine Frau wieder strak genug um die Kinder selber zu nehmen, anzulegen und wieder abzulegen. Es war also eher ein Prozess vom gemeinsamen Stillen hin zum selbständigen Stillen meiner Frau. Und da es ein Prozess war der sich über die gesamten Monate hinzog, gab es nicht diesen einen Moment, an dem ich ausmachen kann, dass etwas anders war, wenn ich mal nicht da war. Wir sind sehr dankbar, dass wir uns diesen ruhigen Start zu viert ermöglichen konnten. Für viele Familien klappt es ja aus diversen Gründen so nicht.

Zwillinge Abstillen

Gestillt haben wir mehr als ein Jahr, danach haben sich beide individuell zu unterschiedlichen Zeiten abgestillt, von heute auf morgen.
Für mich hat sich die Beziehung zu den Kindern durchs Abstillen nicht geändert. Vielmehr hat die Beikosteinführung uns als Familie verändert, da dieses der erste Schritt zu mehr Selbständigkeit der Kinder war.
Konkrete Erfahrungen zum Abstillen möchten wir nicht teilen. Lediglich einen Ratschlag können wir mit auf den Weg geben: Stillt so lange es die Kinder verlangen und erzwingt das Abstillen nicht, eure Kinder werden es euch durch eine besonders enge Bindung danken. Und sie hören auf, wenn sie dafür bereit sind. Vertraut euren Kindern!

Zwillinge Stillen – ein Fazit aus dem ersten Babyjahr

Könntest ich die erste Zeit nochmal erleben, würdest ich bezogen auf das Stillen nicht viel anders machen beziehungsweise meiner Frau zu anderem raten! Stillen ist das Beste fürs Kind und es ist die natürlichste Form der Nahrungsaufnahme. Auch wenn es nicht sofort klappt oder es Rückschläge gibt, lohnt es sich dran zu bleiben.
Ich bin auch fest davon überzeugt, dass (mit wenigen Ausnahmen) jede Frau stillen kann, wenn sie es wirklich will und den Ehrgeiz hat es durchzuziehen. Kompletter Wechsel zu Ersatznahrung sollte daher keine Alternative dafür sein, das moderne heutige Leben möglichst bequem mit den Bedürfnissen der Babys zusammen zu bringen.
Meine Frau und ich haben lieber in der Stillzeit Abstriche bei den eigenen Bedürfnissen gemacht. Der Zeitraum ist ja überschaubar…
Manchmal habe ich mich sogar schon gefragt, ob es für manche Familien besser wäre, wenn  Milchpulver nicht frei verkäuflich wäre, sonder wirklich nur bei medizinischer Notwendigkeit verordnet würde. Stillen ist immerhin die Grundvoraussetzung für einen gesunden Start ins Leben. Und werden manche Kinder dieser Chance vielleicht aus purer Bequemlichkeit der Eltern beraubt?!

(Anmerkung: Auch wenn ich in Ansätzen den Gedankengang von Felix nachvollziehen kann, möchte ich mich – persönlich, aber vor allem auch aus ärztlicher Sicht – von der Idee distanzieren und komplett für die freie Verkäuflichkeit aussprechen! Die Gründe sind vielschichtig, sie hier auszuführen ist aber der falsche Platz und die Gastartikel auf Milch & Mehr sollen ja gerade die Meinungsvielfalt der Still-Thematik aufzeigen und mir nicht nach dem Mund sprechen! Sonst würde das Lesen ja langweilig werden… Ich wollte meinen eigenen Standpunkt nur kurz klarstellen, BEVOR Diskussionen aufkommen. Felix Einstellung ist extrem „pro Stillen“, damit aber genauso zu respektieren, wie die einer Mama, die sich bewusst sofort nach der Geburt oder ab einem gewissen Zeitpunkt gegen das Stillen entscheidet. Wichtig ist aus meiner Sicht nur, dass man sich seiner Optionen und deren Folgen bewusst ist.)

Zwillinge Stillen Erfahrungsbericht

Was ich also letztendlich werdenden (Zwillings-)Papas mit auf den Weg geben möchte?Nehmt euch viel Zeit für die neue Aufgabe und um euch an das gemeinsame neue Familienleben zu gewöhnen. Ich würde immer wieder Elternzeit nehmen, mindestens die ersten drei Monate. Und seid auch danach so viel wie möglich für Frau und Baby(s) da!
Ganz wichtig: vergesst das klassische Rollenmodell. Ein Baby geborgen, gesund und voller Liebe groß werden zu lassen ist eine gemeinsame Aufgabe von Mama und Papa, an 365 Tagen im Jahr, Tag und Nacht. Ein „Recht“ auf Feierabend gibt es nicht, auch nicht für den Papa, der vielleicht nach 8 oder 10 Stunden erschöpft von der Arbeit kommt. Denn auch für die Mama sind die Stunden, an denen der Papa nicht da ist anstrengend und erschöpfend. Mamas und Papas – seid also respektvoll im Umgang miteinander und hört auf die Singale des jeweils anderen.


Vielen Dank, lieber Felix, dass du dir Zeit genommen hast, eure Geschichte und deine Gedanken dazu festzuhalten. Ich finde es richtig spannend, eine Vatersicht auf die Dinge zu bekommen, über die ich selbst mich bislang eigentlich immer nur mit Mamas ausgetauscht habe. Und ich finde es toll – und auch heute absolut nicht selbstverständlich – dass du dich so für deine Damen einsetzt. Beziehungsweise es auch kannst! Denn oft ist es den Papas ja trotz Motivation nicht richtig möglich, zum Beispiel weil der Job es einfach nicht hergibt oder noch andere Familienmitglieder versorgt werden müssen.
Also super, dass für euch alles gepasst hat und ihr euren Weg gefunden habt!

Ich hoffe, ihr fandet diesen Still-Bericht aus Vatersicht genauso spannend wie ich! Habt ihr schon mit euren Partnern über die erste Zeit so detailliert geredet? Vielleicht konnten wir da ja heute einen kleinen Impuls setzen.
Wie kann der Papa bei einem holprigen Stillstart und im Wochenbett eurer Meinung nach am besten unterstützen?!

Milch & Mehr Mamablog Signatur

Ps.: Wenn auch DU deine Stillgeschichte auf Milch & Mehr teilen möchtest und deine Erfahrungen anderen Mamas und Papas zu Verfügung stellen möchtest, dann schreibe mir eine E-Mail an mail (at) milchundmehr.de .

Möchtest du mehr Still-Geschichten lesen?
Mein Stilldrama | Still-Interviews | Zwillinge/ Frühchen Stillen
Rezept Milchbildungskekse

3 Kommentare

  1. Ein sehr lesenswerter Beitrag, bei dem mir vor allem gefällt, dass auch endlich Väter sich ganz klar dafür aussprechen, das klassische Rollenmodell über Bord zu werfen. Ganz tolle Einsicht, dass es eine gemeinsame Aufgabe ist, und zwar 24/7 und 365 Tage im Jahr! Mehr davon in Verwandtschaft und Freundeskreis.
    Fast ein bisschen schade finde ich die Einschränkung von Nora, dass es manchmal „der Beruf nicht hergibt“. Da gibt es ja nun auch Stellschrauben, an denen man drehen kann, dann leitet man das nächste Projekt eben nicht oder reduziert auf 50-80%. Ich weiß, dass das nicht überall geht, aber wenn man es mal da täte wo es geht… auch Frauen müssen schließlich im Zweifelsfall einen Karriereknick durch Schwangerschaft+Geburt verkraften, wenn sie nicht so können wie sie wollen. Wenn auch mehr Männer das in der Zeit der Familienplanung auf sich nähmen würden sich wohl auch die Arbeitgeber irgendwann ändern.
    Zum Thema unbedingt stillen/Flaschennahrung nur auf Rezept habe ich auch andere Ansichten und finde die extreme Position problematisch, da finde ich Noras Widerspruch sinnvoll. Alles in allem ein toller Beitrag!

  2. PS: Dem Satz „Ich bin auch fest davon überzeugt, dass (mit wenigen Ausnahmen) jede Frau stillen kann, wenn sie es wirklich will und den Ehrgeiz hat es durchzuziehen.“ möchte ich, auch wenn ich ihn dann so noch immer nicht unterschreiben würde, mindestens noch hinzufügen „wenn sie die richtige, respektvolle und einfühlsame Beratung und Unterstützung hat“. Das ist essentiell.

    • Nora | milchundmehr.de sagt

      Liebe Lea,

      vielen Dank für dein wertvolles Feedback. Unterstützung ist beim ersten Stillkind wirklich Gold wert!
      Bei meiner Einschränkung für den Vätereinsatz habe ich nicht nur an die Kategorie „eigene Karriere“ gedacht. Da stimme ich dir zu! Sondern eher an finanzielle Aspekte. Die Einbußen können für manche Familien zu einer großen Belastung werden. Da ist dann ja auch leider keinem wirklich mit geholfen…

      Liebe Grüße

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.