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Die Verdauung im ersten Lebensjahr

bezahlte Kooperation | Ich wollte nie diese Mutter werden, die sich beim Abendbrot mit ihrem Mann über den Windelinhalt der Kinder austauscht. Oder die Mutter, die ausführliche „Gespräche“ mit dem Neugeborenen über quersitzende Püpse führt. Typischer Fall von Vorstellung versus Realität. Lange Rede, kurzer Sinn: Auch ich bin eine dieser Mütter geworden.
Die Verdauung nimmt neben dem Schlaf einen großen Stellenwert im Leben eines Babys ein. Somit haben wir Eltern Bedarf uns darüber auszutauschen. Oft kommen Sorgen und Unsicherheiten auf: Hat mein Baby gerade Bauchschmerzen? Oder ist es nur eine Quengel-Phase? Was kann ich bei Blähungen tun? Ist die Windel zu selten oder zu häufig voll?
Und wenn man gerade ein ganz gutes Gespür für die alltäglichen Problemchen entwickelt hat, kommt das nächste Level: Beikost.
Das winzige Verdauungssystem muss im ersten Lebensjahr sehr viel leisten. Muss sich immer wieder anpassen. Wie kann man es als Eltern dabei unterstützen?
Im Folgenden möchte ich Antworten auf die häufigsten Fragen zur Babyverdauung geben. Wie immer nicht kopiert aus dem Fachbuch, sondern hauptsächlich live aus dem Alltag mit mittlerweile drei Babys.

Verdauung beim Baby anregen Massage

Der Artikel entstand erneut in Kooperation mit der Innitiative 1000 Tage, deren Hintergründe ich euch ja schon vor einiger Zeit im Artikel „Projekt Zuckerfrei“ näher erläutert habe. Auf der Plattform von Milupa Nutrica dreht sich alles um eine gesunde Ernährung vom Beginn der Schwangerschaft bis zum zweiten Geburtstag.
Dort findet ihr auch einige tolle, auf die Verdauung des Babys abgestimmte Beikost-Rezepte und viele Hintergrundinformationen.

Mythos: 3-Monats-Koliken?!

Eine Geburt ist eine riesige Umstellung für das Baby und alle seine Organsysteme. Vormals rundum-sorglos versorgt über die Nabelschnur soll es plötzlich Eigenleistung erbringen.
Neun Monate lang kamen alle Nährstoffe über das Nabelblut. Mund, Magen und Darm müssen bereit sein, riesige Berge von Milch zu verarbeiten und wieder auszuscheiden. Während das Baby im Bauch nur ab und zu ein bisschen Fruchtwasser zum Spaß schluckt, heißt es nun: saugen, saugen, saugen. Ein paar Meister sind vom Himmel gefallen. Aber nicht viele. Für die meisten Babys ist es ein Lern- und Gewöhungsprozess.
Es ist sehr verständlich, dass es in den ersten Lebensmonaten ab und zu zu Verdauungsschwierigkeiten und Unwohlsein kommt. Das kleine Persönchen ist rund um die Uhr mit Trinken oder Verdauen beschäftigt. Meistens sind die Probleme aber harmlos. Das Wissen darüber nützt allerdings nicht viel. Wenn die Stimmung mies ist, leidet man als Mama oder Papa natürlich mit.
Oft reden Eltern, Ärzte, Hebammen und zahlreiche andere Ratgebenden, die man eigentlich gar nicht um Rat gefragt hat, in dem Zusammenhang von den 3-Monats-Koliken.
Soweit ich weiß, gibt es keinen richtigen wissenschaftlichen Beleg dafür, dass diese Koliken tatsächlich existieren.
Ich finde die Theorie vom amerikanischen Kinderarzt Harvey Karp1 plausibler. „Das vierte Trimester“ ist die Zeit des Ankommens. Unwohlsein und Stress des Babys sind durch mehr begründet, als nur durch Verdauungsprobleme: die neuen Umweltreize, die plötzliche Selbstständigkeit und Schlafmangel spielen ebenso eine Rolle.
Trotzdem sind viele Neugeborene entspannter, wenn sie gut „Luft ablassen“ können: sprich aufstoßen und pupsen. Und nach etwa drei Monaten haben sich Darm und Psyche in vielen Fällen gleichzeitig halbwegs akklimatisiert.

Fliegergriff beim Baby gegen Bauchschmerzen

Blähungen beim Baby vorbeugen und behandeln

Wir Eltern können den Säugling glücklicherweise beim „Luft ablassen“ etwas unterstützen.
Nach und je nach Trinkverhalten auch während einer Mahlzeit sollte dem Baby die Chance auf ein „Bäuerchen“ gegeben werden. Beim Stillen ist das nicht immer zwingend notwendig. Beim Trinken aus der Flasche meistens schon. Mit der Zeit entwickelt man als Mama oder Papa ein Gefühl dafür. Am besten lässt man sich einmal zeigen, wie man das Baby optimal hält, um ein Aufstoßen zu induzieren. Ich habe mich ja anfangs etwas doof angestellt.
Wer mit der Flasche füttert, sollte darauf achten, dass die Flaschensysteme entlüften und dass die Milch nicht ganz so einfach und schnell fließt. Das ist bei den neueren Sauger-Modellen soweit ich weiß Standard.
Luft, die trotzdem noch in den Darm gelangt, kann nach unten massiert werden.
Dafür eignet sich eine Übung ähnlich dem Fahrradfahren: das Baby liegt auf dem Rücken, am besten auf den eigenen Beinen. Die Baby-Beine werden vor- und zurück geführt.
Alternativ oder zusätzlich kann der Bauch entlang des Darmverlaufes vorsichtig ausgestrichen/ massiert werden.
Am besten lasst ihr euch beides auch von Hebamme oder Kinderarzt einmal zeigen. Sollte eine Hüftverformung vorliegen, ist das Beinkreisen keine geeignete Maßnahme. Also auch das bitte vorher überprüfen lassen (Standard bei der U3).
Tragen im sogenannten Fliegergriff, bei dem das Baby bäuchlings auf dem eigenen Arm liegt, erleichtert und beruhigt auch bei Blähungen.

Baby im Fliegergriff gegen Blaehungen

Stärkung des Verdauungssystems von Anfang

Der Darm ist mit einer spezialen, bei jedem Menschen individuellen Keimflora ausgestattet, die den Abbau der Nahrung und die Aufnahme der Nahrungsbestandteile ins Blut unterstützt. Das kennen wir von uns Erwachsenen nur zu gut. Antibiotika schädigen diese Flora zum Beispiel. Bei Babys muss sie sich natürlich erst einmal ausbilden.
Nach aktuellem Wissensstand geht man davon aus, dass bei einer natürlichen, vaginalen Geburt  die Mikroorganismen aus dem Geburtskanal der Mutter eine wichtige Rolle für den Aufbau spielen.
Bei einem Kaiserschnitt fehlt der Kontakt, was Verdauungsprobleme erklären könnte. Ein experimenteller Ansatz besteht darin, schon im OP die Lippen des Babys mit Vaginalsekret zu benetzen (Vaginal Seeding). In der „Welt“ habe ich dazu einen ganz informativen, weiterführenden Artikel gefunden.
Alternativ gibt es pharmazeutische Produkte, die den Aufbau mit einer Art Kur unterstützen sollen. Im Artikel „Hausapotheke fürs Baby“ habe ich von unseren Erfahrungen mit Bigaia-Tropfen (Lactobacillus reuteri) berichtet.

Die ersten Lebensmonate: Muttermilch versus Pre-Nahrung

Verdauung bei gestillten Babys

Vollgestillte Kinder sollten einen weitestgehend flüssigen Stuhl haben. In den ersten Wochen ist die Windel in der Regel mehrmals täglich voll. Nach 1-2 Monaten nimmt die Stuhlfrequenz ab und der Windelinhalt wird auch etwas fester.
Die Hebammen erklären besorgten Eltern, die von der Anzahl der täglichen Windeln überrascht sind, immer, dass 10 Windeln am Tag genauso normal sind wie einmal Stuhlgang alle 10 Tage, solange Gewichtszunahme und Urinmenge stimmig sind. Tatsächlich sind auch kleine Abweichungen nach oben und unten oftmals noch unbedenklich.

Mythos: mütterliche Diät?!

Viele Mütter schwören darauf, dass sie gewisse Lebensmittel in der Stillzeit meiden müssen, weil das Baby sie nicht verträgt. Wenn die stillende Mutter auf diese Dinge verzichtet und dazu noch Fenchel-Anis-Kümmel-Tee trinkt, würden Bauchschmerzen und Blähungen abnehmen. Physiologisch gesehen kann ich mir diesen Zusammenhang absolut nicht herleiten. Muttermilch ist ein Filtrat aus dem Blut. Und dort hinein gelangen lediglich gespaltene Einzelbausteine der Nahrung. Der Hauptbestandteil von Muttermilch ist Wasser. Es folgt das Kohlenhydrate namens Laktose, der Milchzucker. Deshalb gibt es so gut wie kein Baby, was Laktose-intolerant geboren wird! Das wäre quasi Selbstmord. Total selten aber möglich ist eine Allergie gegen das Laktose-Molekül. Dann kann ein Baby aber auch nicht mehr gestillt werden und benötigt spezielle Ersatzmilch. Sollte die unnatürliche Abwehrreaktion nur gegen ein spezielles Kuhmilch-Protein gerichtet sein, kann der mütterliche Verzicht tatsächlich helfen.
Soviel zu den Fakten. Als Mutter behaupte ich, dass alle meine drei Kinder in den ersten Lebenswochen auf Paprika (frisch und als Gewürz) reagiert haben und sich die Farbe des Windelinhalts geringfügig an meinem Speiseplan orientiert. Bei einer befreundeten Mutter sind es die Karotten. Wie auch immer das funktioniert! Medizin ist nicht schwarz-weiß. Allerdings ist der komplette Verzicht auf die blähenden Lebensmittel in der Stillzeit unnötig. Sinnvoller ist es, sie in kleinen Mengen weiter zu essen, um das Verdauungssystem des Kindes langsam daran zu gewöhnen.

Verdauung bei Ersatzmilch (Pre-Nahrung, Folgemilch…)

Säuglingsnahrung kommt der Zusammensetzung der Muttermilch recht nahe, ist allerdings nicht identisch. Der Stuhlgang ist typischerweise etwas geformter, voluminöser und riecht anders.
Bei kompletter Ernährung mit Säuglingsnahrung sollte die Windel eigentlich mindestens 1 x pro Tag voll sein. Aber auch 2-3 Tage Pause sind noch kein Grund zur Sorge, solange sich das Baby wohl fühlt. Wie man der Verdauung bei Unwohlsein sanft auf die Sprünge helfen kann, erkläre ich weiter unten.
Ein gestilltes Baby, das zugefüttert wird, hat in der Regel auch etwas festeren Stuhl als ein vollgestilltes Baby.
Spezialnahrung sollte nur in besonderen Fällen und immer nach ärztlicher Rücksprache gefüttert werden.

Baby Verdauung unter Beikost

Die Beikost und der Darm

Über die Verdauung nach Beikost-Einführung könnte ich ein ganzes Buch füllen, so viele Fragen wurden mir mittlerweile schon zu dem Thema gestellt…
Man sagt, dass mit dem Erreichen von ungefähr vier Lebensmonaten – egal ob termingerecht oder früh geboren – der Darm bereit für einen langsamen, schrittweisen Beikostaufbau ist.
Das bedeutet jedoch nicht, dass ein Baby tatsächlich auch geistig und motorisch reif ist. Das kann man nur beobachten bzw. testen. Wer sich unsicher ist, konferiert am besten mit Kinderarzt oder Hebamme. Die WHO empfiehlt nach dem vollendeten sechsten Lebensmonat (also nach dem 6 Monats-Geburtstag) zuzufüttern.
Mit der Beikost ist der kindliche Verdauungstrakt erneut sehr gefordert. Die Windel wird bei manchen Kindern häufiger voll, bei manchen seltener. Verstopfungen stehen bei den meisten Babys früher oder später auf der Tagesordnung. Bei Stillkindern ist der Stuhl zum ersten Mal richtig geformt.
Farbe, Beschaffenheit und Geruch variieren ganz stark mit den gegessenen Lebensmitteln. Nicht erschrecken, wenn es zum Beispiel rote Beete oder Spinat gab.
Wenn die ersten festen Nahrungsbestandteile verspeist werden (Baby Led Weaning, erstes Familienessen), kann es immer mal wieder vorkommen, dass man in der Windel unverdaute Nahrungsbestandteile, z.B. Gemüsestücke, findet. Wenn das ab und zu passiert, ist das nicht weiter bedenklich. Vielleicht waren Zahnungsbeschwerden der Grund für schlechte Zerkleinerung? Oder das Baby war zu müde zum Kauen? Wenn es häufiger vorkommt, sollte man die Darreichungsform des entsprechenden Lebensmittels schon anpassen, da dann ja keine Verstoffwechslung stattfindet und es lediglich ein „Ballaststoff“ ist.
Ich finde es besonders praktisch, dass man durch die Beikosteinführung die Möglichkeit hat, die  Verdauung durch entsprechende Lebensmittel natürlich zu beeinflussen.

Verstopfung beim Baby sanft behandeln

Ab Beikostalter kann die Verdauung oft ganz einfach durch die Wahl der Nahrungsbestandteile reguliert werden. Birne oder Blaubeeren eignen sich schon ab Beikosteinführung wunderbar, um den Darm anzuregen. Auch sollte man bei Verstopfung unbedingt mehr Flüssigkeit anbieten. Wenn das Baby eher schlecht trinkt und auch an Milch nicht mehr interessiert ist, kann der Brei einfach mit mehr Wasser zubereiten werden. Karotte, Banane und geriebener Apfel sind zu meiden.
Von einer richtigen, behandlungsbedürftigen Verstopfung spricht man, wenn es nur etwa einmal wöchentlich zum Stuhlgang kommt, dieser sehr hart ist und Schmerzen verursacht.
In den ersten Lebensmonaten kann man versuchen, Verstopfungen im Enddarm durch sehr sanfte und vorsichtige „Manipulation“ zu behandeln. Oft reicht es, einmal vorsichtig Fieber zu messen oder ein Kümmel-/ Glycerolzäpfchen zu verabreichen. Wenn der Darm in höheren Abschnitten eher träge arbeitet, sind diese Maßnahmen aber wirkungslos. Dann können Bewegung und die oben erklärten Massage-Methoden helfen.
Ich habe auch schon mitbekommen, dass Osteopathie bzw. Manualtherapie richtige Wunder auf die Verdauung bewirkt hat.

Baby Koliken Bauchweh Behandeln

ernste Verdauungsprobleme: wann zum Kinderarzt?

Wenn ein Baby bei schlechter Verdauung auch nicht gut gedeiht, würde ich auf jeden Fall einen Arzt kontaktieren. Unnormal gefärbte (vor allem sehr helle) Windelinhalte können Hinweis auf Erkrankungen darstellen. Deshalb wird seit ein paar Jahren in Deutschland die Stuhlfarbe bei jeder Vorsorge-Untersuchung abgefragt und im Untersuchungsheft notiert.

Solltet ihr noch Fragen zur Babyverdauung haben, meldet euch doch gerne! Zusammen fällt uns bestimmt etwas Hilfreiches ein…

Milch & Mehr Mamablog Signatur

Ps.: Der Artikel entstand in freundlicher Zusammenarbeit mit Milupa Nutrica. Text, Thema und Meinung kommen aber zu 100% von mir.


1 Nach Harvey Karp: Das glücklichste Baby der Welt (2003)

 

2 Kommentare

  1. Julia sagt

    Danke für deinen Artikel. Bei unserer Tochter war das Thema auch sehr präsent – was ich nie gedacht hätte. Im ICD-10 wurde, glaube ich, der Begriff 3- Monats- Koliken auch geändert …. Undere Maus hat, wenn sie nur Muttermilch trinkt, grünen Stuhl und Blähungen, die ihr weh tun. Die Ursache ist ziemlich wahrscheinlich ihr „falsches Saugen“, bei dem sie zu viel Luft zieht. Eine Stillberatung hat uns diesbezüglich sehr weitergeholfen, sie hat genau analysiert woran es liegt. Mit wenigen Wochen wurde ihr, bei einer OP, das Zungenbändchen (in der Zunge verwachsen – Zunge kam nicht an den Gaumen) oben und unten durchtrennt und ein Knochendorn im Kiefer entfernt. Seit dem wurde sie erst richtig satt (sie ist ein „pummeliges“ Baby und hat nie abgenommen- wir haben ständig gestillt, trotzdem war sie nie richtig satt. Durch ihre anstrengende Trinktechnik war sie vorher erschöpft). Unterstützt durch Zungenübungen hat sich ihr Saugverhalten trotzdem nicht ganz normalisiert. Kinderärzte und Hebammen haben das Problem nicht erkannt, erst unser Osteopath hat uns auf die Spur gebracht. Die Luft verursacht mit der Lactose bei ihr starke Schmerzen – sie hat fast nur geschrieen und kaum geschlafen. Mit 4 Monaten wollte sie bereits selbst essen und tut dies seither selbstgesteuert – ich stille dazu. Mit der festen Nahrung wurde es immer besser. Sie ist nun fast 1 Jahr. Wegen einem Magen-Darm-Virus habe ich sie einige Tag wieder voll gestillt und das Problem (Bauchkrämpfe, grüner schleimiger Stuhl) kam sofort wieder/ bzw. ging mit fester Nahrung wieder weg.

    Ich hatte vorher keine Ahnung, dass es sowas gibt und vielleicht hilft es ja Jemandem, wenn er das hier liest.

    lG Julia

    • Nora | milchundmehr.de sagt

      Liebe Julia,
      vielen Dank für deine Ergänzung! Ich habe bislang mitbekommen, dass Saugprobleme natürlich zu Untergewicht und Hunger führen. Sehr interessant, dass es sich auch so stark auf die Verdauung auswirkt. Gut, dass die Beikost euch weitergeholfen hat! Viele Grüße

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