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Red Flags und Banalitäten: Wann zum Kinderarzt?

Vor einigen Wochen erreichte mich eine sehr spannende Leser-Frage: „Wann sollte ich bei welchen Leiden eigentlich zum Kinderarzt mit den Knirpsen?“. Das Thema ist ein bisschen komplex. Da musste ich erst einmal selbst ein bisschen drüber nachdenken…
Die Antwort, die ich gefunden habe, ist ziemlich simpel, für die meisten Mamas wahrscheinlich aber nicht zufriedenstellend. Nämlich: Wann immer du das Gefühl hast, es wäre besser! „Wann darf ich zum Kinderarzt?“ ist wohl die Frage, die oft im Kopf herumgeistert. Also ist das jetzt gerade eine Lappalie, mit der ich mich im Vorzimmer schon lächerlich mache? Kann der Arzt weiterhelfen? Oder ist die Krankheit gar gefährlich?
Es geht aber nicht immer nur darum, der Gesundheit des Kindes auf die Sprünge zu helfen, sondern manchmal bewirkt so ein Arztbesuch auch einfach, dass die Eltern beruhigt sind und sich in ihrem Handeln bestätigt fühlen. Entspannte Eltern – entspanntere kranke Kinder!
Wirklich zufällig, aber nun wunderbar passend, habe ich vom Trias-Verlag einen dicken Wälzer genau zu dem Thema zugeschickt bekommen: „Kindergesundheit“* von Doktor Romanus Röhnelt, einem Kinderarzt aus Warendorf, der genau für die Fragestellung einen Ratgeber verfasst hat. „Wie Sie Krankheiten erkennen, was Sie selbst tun können“ heißt es im Klappentext. Das Buch hilft definitiv besser weiter als mein Artikel, das muss ich ja zugeben. Aber ein paar Antworten – und ein paar Details zum Ratgeber – möchte ich noch loswerden.

Wann zum Kinderarzt mit krankem Kind?

Zuerst einmal: Jede Krankheit ist anders. Jedes Kind ist anders. Und jedes Elternteil tickt anders. Deshalb lassen sich nur wenige komplett allgemein gültigen Regeln festhalten, wann ein Kinderarztbesuch zwingend notwendig ist.

Kinderarztbesuch für die Eltern

Fangen wir mal mit den Eltern an. Es gibt die sehr besorgten, leicht verunsicherten Eltern. Eltern, die mit Gesundheitsfragen wenig am Hut haben. Dann gibt es Eltern, die sehr entspannt und selbstsicher sind. Eltern, die Gesundheitsfragen lieber alleine klären, weil Erfahrung und Vorwissen da ist. Oder aber Eltern, gerade Mehrlingseltern, für die ein Kinderarztbesuch ein totaler organisatorischer Kraftakt ist. Und jede Menge Mischformen.
Was die meisten Eltern gemeinsam haben: mit der Zeit wächst die Intuition. Die Intuition, wann etwas mit dem eigenen Kind wirklich nicht stimmt. Kein Kinderarzt kennt das betreffende Kind so gut, wie die Eltern. Nicht zuletzt das macht Mama und Papa quasi zum Co-Patienten.
Doktor Röhnelt spricht sogar von Eltern als Seismografen, die mit der Zeit Alarm schlagen . Er bestätigt, dass erfahrene Eltern intuitiver handeln als fachlich qualifizierte Berufsanfänger (Ärzte, Hebammen, Erzieher…).
Ich meine also: wenn du das Gefühl hast, etwas stimmt nicht – dann stimmt da auch zu hoher Wahrscheinlichkeit etwas nicht.
Auch bei Krankheiten, bei denen eigentlich schon klar ist, dass der Arzt nicht viel tun kann (leichte Magen-Darm-Infektion, Erkältung, Sturz ohne Folgen…), hilft es manchmal – gerade vor dem Wochenende – zu hören, dass sonst alles in Ordnung ist: keine Lungenentzündung, keine Mittelohrentzündung, keine Exsikkose, kein Bruch.  Und wenn man sich Sorgen macht – sollte man wirklich nicht lange zögern und um Rat fragen.
Andersherum vertrete ich die Meinung, dass man in vielen Fällen mit einem kranken Kind nicht zum Kinderarzt muss. Wenn man sich relativ sicher ist, was dieser diagnostizieren wird und es keine (rezeptpflichtige) Behandlung gibt, gibt es keinen dringenden Grund. Ich würde meine Kinder lieber ins Kuschelbett stecken, wenn sie fiebern, erkältet sind oder Magen-Darm haben, als sie in die Praxis zu schleppen und im Zweifel dort noch andere Kinder anzustecken oder gar neue Krankheiten aus dem Wartezimmer mit heim zu nehmen. Mit der Strategie „Abwarten und Beobachten“ handelt man nicht unverantwortlich. Aber wie gesagt, man muss der Typ dafür sein.
Also, wenn du das Gefühl hast, dass eigentlich alles stimmt, musst du dich nicht gleich schlecht fühlen, die Krankheit nicht ärztlich abklären zu lassen.
Manchmal kann es aber einfach hilfreich sein, einen konkreten Behandlungsplan zu bekommen und zu wissen, wie lange das Kind höchstwahrscheinlich ansteckend ist, anstatt Dr. Google und zig sich selbst widersprechenden Forenbeiträgen zu vertrauen.

Behandlung für das kranke Kind

Wann kann der Arzt tatsächlich etwas für das Kind tun und die Krankheit behandeln bzw. muss einen gefährlichen Verlauf abwenden?
Im folgenden möchte ich ein paar häufige Krankheiten grob umreißen. Natürlich gibt es noch unzählige andere Fälle. Das würde aber den Rahmen des Artikels sprengen.
Wenn das Kind bei einem Infekt zu schlapp und ausgetrocknet ist, sollte es zum Kinderarzt, wenn nicht sogar in die Notaufnahme des Krankenhauses. Bei Babys geht das sehr schnell, bei älteren Kindern eher langsam.
Wenn ein fieberndes Kind stark wesensverändert ist oder (zum ersten Mal) ein Fieberkrampf vorliegen könnte, würde ich ärztlich vorstellig werden. Wenn man einem schmerzgeplagten Kind zu Hause keine Linderung verschaffen kann, sollte man das Thema beim Kinderarzt ansprechen.
Gewichtsverlust, vor allem langsamer ohne klare Ursache, ist im Wachstum nicht normal und sollte abgeklärt werden.
Die Frage nach einem verschreibungspflichten Antibiotikum steht oft bei Bronchialinfekten und Mittelohrentzündungen im Raum.  Aber nicht bei jeder Infektion hilft es und ist nötig! Ich bin da eher zurückhaltend, bei groß und bei klein. Letztendlich ist die Gabe neben ein paar Vorgaben aus Leitfäden ein Intuitionsding. Von Eltern und Arzt.
Pseudokrupp-Anfälle sind schrecklich, aber mit ein bisschen Erfahrung sind sie zu Hause unter Umständen stressfreier zu managen als mit einer Fahrt in die Notfallpraxis.
Bei einigen Kinderkrankheiten, die sehr ansteckend sind, kann der Kinderarzt auch nicht sonderlich viel tun. Hierbei denke ich zum Beispiel an die Hand-Mund-Fuß-Krankheit und das Drei-Tage-Fieber. Wenn man sich sicher ist, dass das Kind so etwas hat, muss man es nicht zwingend in die Arztpraxis schleppen. Wenn man allerdings Bestätigung sucht oder zum weiteren Vorgehen beraten werden will, ist es absolut legitim! Man sollte nur vorher klären, wann man kommen darf und nicht einfach ins Wartezimmer hineinplatzen. Manchmal kann es sein, dass man für die Kita eine Bestätigung braucht, dass das Kind nicht mehr ansteckend ist. Dann kommt man natürlich um den Arztbesuch nicht herum.
Andersherum sind Ärzte wirklich auch nur Menschen und keine Hellseher. Medizin ist nicht schwarz weiß, sondern grauer, als die meisten vermuten. Es kann sein, dass bei einem fiebernden Kind der Ursprung der Infektion nicht lokalisiert werden kann. Ist das Trommelfell leicht gerötet? Die Rachenmandeln etwas geschwollen oder kämpft der Körper gerade an einer ganz anderen Stelle? Das ist verständlicherweise für die Eltern unbefriedigend, aber manchmal nicht zu ändern.

Kinderkrankheiten selbst erkennen und behandeln

Notfälle

Natürlich gibt es auch ein paar Krankheiten und Unfälle, bei denen man definitiv nicht abwartend zu Hause bleiben sollte, sondern akut handeln muss. Manchmal kann es aber auch schon ausreichen, mit der Kindernotfallambulanz Kontakt aufzunehmen und sich telefonisch über die Optionen beraten zu lassen.
Ich möchte auch hier nur kurz ein paar Beispiele aufzählen, wann man akut einen Arzt aufsuchen sollte: Blutstillung und Wundversorgung, Verbrennungen, Allergische Reaktionen mit Luftnot oder generalisiertem Ausschlag, Epileptische Anfälle und erste Fieberkrämpfe, Bewusstlosigkeit oder Wesensveränderung nach Sturz. Auch wenn ein kleiner Gegenstand verschluckt wurde, würde ich mich zumindest vom  zuständigen Notdienst telefonisch beraten lassen. Häufig kann abgewartet werden und es muss nicht sofort etwas unternommen werden, aber alle Seiten sind auf die möglichen nächsten Schritte vorbereitet. Hier findet sich übrigens eine gute Übersicht über die zuständigen Gift-Notrufzentralen, die man kontaktieren kann, wenn Arzneien, Haushaltsmittel, Chemikalien, Pflanzen oder ähnliches  versehentlich eingenommen wurden.

Der Ratgeber „Kindergesundheit“

Das Buch ist wie eingangs schon geschrieben ein dicker Wälzer von mehr als 500 Seiten und hat mit knapp 30 Euro auch keinen ganz günstigen Preis. Für wen lohnt sich die Anschaffung?
Meiner Meinung nach ist es ein richtig gutes Nachschlagewerk, von dem alle der oben aufgelisteten Elterntypen profitieren – außerdem auch Tagesmütter, Erzieher und Großeltern.
Unsichere Eltern haben so eine erste Anlaufstelle und müssen sich nicht in den Weiten des Internets, vor allem in Foren, verrückt machen lassen. Die sicheren, intuitiv handelnden Eltern lernen noch einiges dazu und können ohne schlechtes Gewissen um den ein oder anderen Arztkontakt herumkommen.
Allerdings ersetzt das Buch nicht eine persönliche ärztliche Beratung. Und es kann natürlich passieren, dass Doktor Röhnelt eine andere Einstellung vertritt, als der eigene Kinderarzt, wenn man ihn dann auch zu Rate zieht. Ich erinnere an die graue Medizin.
Gut gefällt mir, dass das Buch mit dem Alter des Kindes mit wächst. Also ist es auch ein interessantes, ausgefallenes Mitbringsel zur Babyparty oder Eltern-Geschenk zur Geburt, von dem man lange etwas hat!
So geht es in den ersten Kapiteln um Säuglings-Ernährung, Pflege und die Entwicklung im ersten Jahr. In den letzten um typische Belange eines Schulkindes. Dazwischen finden sich häufige Kleinkind-Krankheiten und typische Fälle aus der Kindergartenzeit.
In den letzten Wochen habe ich alle medizinischen Fragen und Krankheiten, mit denen ich – und unser Umfeld konfrontiert wurde, mit dem Buch „behandelt“ – also entsprechend nachgeschlagen.
Dabei ist mir aufgefallen, dass die Bebilderung sehr gut und hilfreich ist, zum Beispiel bei dem Symptom Hautausschlag. Wenn man vermutet, dass das Kind die Hand-Mund-Fuß-Krankheit hat, gelangt man innerhalb von Sekunden vom Sachwort-Register zum entsprechenden Kapitel mit  Abbildungen, die man zum Abgleich verwenden kann.
Dazu gibt es dann noch einen Steckbrief mit allen nötigen Informationen: Ansteckungswege, Inkubationszeit, Krankheitsverlauf und Therapiemöglichkeiten.  Quasi wie die Browser-Suchmaschine, aber verlässlich gefiltert und damit schneller und besser.
Die Hintergründe sind nicht nur aus Leitlinien kopiert, sondern auch Erfahrungswerte und Meinung des Autors. Ich  stimme nicht in allen Belangen mit ihm überein. Aber das muss ich nicht. Und das müssen auch die lesenden Eltern nicht. Meinungsverschiedenheiten mit dem Kinderarzt sind ja keine Seltenheit. Und der Ratgeber soll ja lediglich unterstützen.
Was richtig super ist: es sind nicht nur die Krankheitsbilder thematisiert, die auch im Lehrbuch der Kinderheilkunde zu finden sind, sondern man merkt dem Autor bei der Themenwahl die langjährige Praxiserfahrung und die eigene mehrfache Vaterschaft an.

Kindergesundheit Ratgeber Bewertung

Red Flags und Banalitäten

Zuletzt noch kurz zur Bedeutung der Überschrift. Die beiden Begriffe habe ich aus dem Studium mitgenommen. Zu einer sehr hohen Prozentzahl sieht der behandelnde Arzt tagtäglich einfach nur Banalitäten, also harmlose Erkrankungen oder gar gesunde Menschen. Die Kunst ist es, aus diesen die wenigen herauszufiltern, die gefährlich krank sind. Dazu gibt es für jedes Organ eine Liste mit Alarmzeichen, den „Red Flags“, die eben auf die schlimmen Sachen hindeuten. Mit der Zeit werden auch Eltern für sich intuitiv dieses Konzept übernehmen. Nicht nur das Weinen eines Kleinkindes kann man näher klassifizieren, auch sein Befinden bei Krankheiten. Dafür muss man aber erst einmal Erfahrungen sammeln. Erste Male sind immer aufregend, auch erste Krankheiten. Doch wünschen tue ich den guten Erfahrungsschatz natürlich keinem. Besser, alle sind gesund und der Kinderarzt sieht seine Patienten nur zur Impfung und zur Vorsorge-Untersuchung.
Wenn ihr Interesse an konkreten Fällen und Krankheiten habt, können wir gerne auch einmal zusammen Fallbeispiele durchsprechen. Schreibt mir doch einfach eine Nachricht mit konkretem Beispiel. Dann sammle ich diese für einen Teil 2. Über Kindermedizinische Notfälle hat Cand.med.Mami schon mal eine coole Instagram-Reihe unter #kinderretterherz gestartet. Da gibt es auch schon einige interessante Fälle…


* Affiliate Link | Rezension: das Buch wurde mir kosten- und bedingungslos zu Verfügung gestellt.

4 Kommentare

  1. Steffi sagt

    Hallo,
    Tolle Zusammenfassung! Ich bin auch Zwillingsmama. Meine Mädels sind ehemalige Extremfrühchen, daher MUSSTEN wir am Anfang mit jedem Fieber und Husten zum Kinderarzt. Jetzt sind wir viiiiel entspannter. Aber: Unsere Zwei sind relativ Schmerzfrei… Das heißt, nach 3Tagen Fieber geht es zum Kinderarzt. Die Beiden jammern nicht, sind manchmal etwas schlapper aber sonst wie immer. Beim Kinderarzt stellt sich dann gerne eine Mittelohrentzündung oder Mandelentzündung raus. (und das, wo ich als Ergotherapeutin sogar medizinische Vorkenntnisse habe und manche Dinge schon getestet habe😂)
    Wir haben aber eine ganz tolle Kinderärztin die uns immer ernst nimmt und auch weiß, dass wir selten ohne Befund nach Hause gehen. Pseudokruppanfälle und Co sind bei uns auch bekannt…
    LG Steffi
    Mejoma13

    • Nora | milchundmehr.de sagt

      Liebe Steffi, vielen Dank für dein Feedback! In dem Fall Extremfrühchen machte das absolut Sinn. Toll, dass die Mäuse so tapfer sind und ihr gut betreut seid. Das ist viel wert! Ich würde übrigens eine Ohr- oder Hals-Entzündung auch nicht unbedingt erkennen, wenn mich nicht Symptome wie aufs Ohr rumhauen oder Schmerzen leiten würden. Es gibt einige Studien, die belegen, dass dabei direkter Antibiotikaeinsatz gar nicht immer von Vorteil ist. Deshalb ist es auch kein Beinbruch, wenn eine leichte Entzündung mal unentdeckt bleiben sollte. Ganz liebe Grüße

  2. Hallo Nora
    Ich finde deinen Blog super. Werde dieses Jahr auch 30, habe ein Augustmädchen 2016 und bin auch Ärztin 🙂
    Jedenfalls ist es mir heute passiert, was ich immer vermeiden wollte: ich ging zum Kinderarzt wegem Schnupfen :))
    Die Kleine hat den 3. Tag Fieber bis 40 Grad und wird ab morgen 2 Tage von den Grosseltern betreut zusammen mit ihrem ehemals frühgeborenen Cousin. #sicheristsicher #trotzdempeinlich
    LG Sevi

    • Nora | milchundmehr.de sagt

      Liebe Sevi,
      Vielen Dank für deine lieben Worte!
      Ich kann dich absolut verstehen – auch ich habe letztens diesen „Sicheristsicher“-Gang gemacht – und peinlich ist das in deinem Fall gar nicht! Wir sind auch Mamas, nicht nur allwissende Heilerinnen 😉
      Liebe Grüße und gute Besserung!

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